Archiv für August, 2009

Thomasevangelium – Vers 110

Jesus sprach: “Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll auf die Welt verzichten.“

Auf die Welt zu verzichten, bedeutet sehr wenig für jemanden, der keinen Erfolg in der Welt gehabt hat und der gern der Notwendigkeit entkommen möchte, dass Leben zu leben wegen seiner oder ihrer verspürten Armut, seines oder ihres verspürten Versagens oder seiner oder ihrer verspürten Unzulänglichkeit. Aber das Verzichten auf die Welt auf der Grundlage eines solchen Selbstbewußtseins und solcher Unsicherheit hat wenig oder keine Bedeutung und kann nicht zu etwas Gutem und Erhabenem führen. Tatsächlich kann man Vieles, was das Verzichten auf die Welt motiviert, leicht als Feigheit bezeichnen! Der echte spirituell Suchende jedoch, der ein Diener Gottes und spiritueller Kämpfer werden will, ist alles andere als ein Feigling. Die Seele, die den mystischen Weg sucht, muss stark sein, mutig und den Erfolg suchend, ob nun in mundänen oder über das Mundäne hinausgehenden Angelegenheiten.

“Ich Verzichte auf die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, um Gott und den Himmel zu suchen!“ Wie kann ich auf etwas verzichten, dass ich nicht habe und nie eine Chance hatte zu erreichen? Tatsächlich kann ich auf nichts verzichten, das ich nicht in meiner eigenen Erfahrung besitze. Ebenso muss ich ein Leben haben, um es Gott darzubringen. Es scheint als ob der Meister uns sagt: “Lebe dein Leben, damit du etwas hast, das du Gott darbringen kannst.“

Lasst uns die Bedeutung des Wortes Verzichten näher betrachten. Es bedeutet nicht, dass wir etwas vermeiden, verlassen, etwas entfliehen oder es leugnen. Es geht nicht um Selbstverleugnung irgend einer Art, wenigstes nicht von der Art, die die Verleumdung der Lebensfreude als etwas Heiliges betrachtet. Nein. Verzicht bedeutet einfach loszulassen und Dinge nicht mehr als seinen persönlichen Besitz zu betrachten. Es bedeutet nicht mehr nach dem zu greifen, auf das man verzichtet, um ein Mittel zu haben, seinen Egoismus zu nähren und zu erhalten. Es geht darum, auf den falschen Anspruch des Besitzens von Menschen, Orten und Dingen zu verzichten und mehr noch, auf den Besitz subtiler Objekte, wie Gedanken, Gefühle usw. In diesem Sinne, was immer wir haben, auf das muss verzichtet werden und auf was wir verzichten müssen, ist verschieden für jeden Menschen. Jeder hat andere Dinge, die er im Leben loslassen und Gott darbringen muss.

Interessanterweise führt solch ein Verzicht zu größerer Freude an Allem in der eigenen Lebenserfahrung und zu der zunehmenden Freiheit, man selbst zu sein.

Wir können auch von Verzicht sprechen im Bezug auf das Loslassen unserer begrenzten Weltsicht, unserer geschätzen Überzeugungen, von Vorurteilen, Vorbedingungen und Erwartungen. Von allen Dingen, die uns davon abhalten, die Realität oder Gott so zu sehen, wie sie sind. Also ist der Verzicht ein Begriff für das Leerwerden von uns selbst, so dass wir vom Geist Gottes erfüllt werden können. Auf diese beiden Arten verstehen wir den Verzicht in den Lehren.

[Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 337-338]

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Licht der Erlösung

Von der äußeren Kirche wird uns gelehrt, dass der Sinn des Opfers von Christus die Wiedergutmachung der Sünde von Adam und Eva war, der Ursünde, die wir erben. Was damit im Grunde nahe gelegt wird, ist eine beschädigte oder beeinträchtigte Menschheit, und dass Jesus kam, um zu korrgieren, was die Menschheit getan hatte. Die heilige Kabbala und Gnosis bringt jedoch eine andere Ansicht hervor. Für sie ist die Sünde von Adam und Eva das Ergebnis einer Unvollkommenheit oder eines Mangels auf der kosmischen Ebene. Es ist eher etwas Unvollständiges in der Schöpfung, und deshalb kommt Christus, um der Tikkun-Heilung dieser Unvollkommenheit Willen und nicht so sehr der Wiedergutmachung der Sünde wegen. Er kommt, um die Schöpfung zu vervollkommnen und Ratzon Elyon, den Willen des Höchsten, zu erfüllen.

Einfach gesagt, kosmische Ignoranz ist die Unvollkommenheit oder Unreinheit. Sie besteht in der Illusion der Trennung, die durch den Demiurgen in der christlichen Gnosis personifiziert wird. Es ist die Erzeugung der kosmischen Ignoranz, der Archonten und Dämonen am zweiten Tag der Schöpfung, als Elohim (Gott) Himmel und Meer trennte und damit auch die Dualität im Bewußtsein schuf, eine scheinbare Trennung zwischen Himmel und Erde, Gott und Schöpfung. Diese Ignoranz und Dualität im Bewußtsein ist die Ursache der Sünde von Adam und Eva. So kommt Christus, um diese Dualität aus dem Bewußtsein und der Schöpfung zu vertreiben. Er kommt als Träger des Lichts und gnostischer Offenbarer, der die Lehren, das spirituelle Wissen und die spirituelle Kraft übermittelt, die diese Ignoranz beenden.

Wie wir wissen und verstehen, ist das Auftreten der Ignoranz und Dualität im Bewußtsein ein natürliches Nebenprodukt der Schöpfung, dass aus der unbewußten Ureinheit hervorgeht. Es wird überwunden durch den Prozeß der Entwicklung und Evolution der Schöpfung, oder eher durch die Entwicklung und Evolution des Bewußtseins, durch ein Erwachen des Bewußtseins. Die Erfüllung dieser Entwicklung ist Christus, das messianische Bewußtsein, eine nicht-duale Realisierung.

Einerseits ergeben wir uns aktiv und dynamisch der Schekina des Höchsten (der göttlichen Präsenz und Kraft) und arbeiten so daran, die Bedingungen für die Selbstrealisierung in Christus mit ihr gemeinsam zu schaffen. Andererseits ist es eine Vereinigung mit Gott, die auf der göttlichen Gnade basiert und so kommt das Erwachen in Christus durch die göttliche Gnade, die überirdische Schekina, verkörpert im lebendigen Yeshua (Jesus) und in der wahren apostolischen Folge.

Es gibt ein deutliches Geschenk der feurigen Intelligenz, das Yeshua Messia uns übermittelt, eine ausgeprägte göttliche Präsenz und Kraft – der heilige Geist oder die überirdische Schekina. Wir unsererseits brauchen nur festzuhalten am Messia, dem Lichtmenschen, und uns dem Licht von oben zu öffnen, der Mutterkraft. Dieses heilige Licht erleuchtet und befreit uns. Es vertreibt die Falschheit und das Unwirkliche und offenbart die Wahrheit und Wirklichkeit, Gott, das wahre Licht. In einer aktiven und dynamischen Hingabe gibt es eine Zusammenarbeit und Kooperation mit der göttlichen Gnade, der Lichtpräsenz und Lichtkraft beim großen Werk. Und doch ist es die göttliche Gnade, das heilige Licht, das alles erreicht, das mit, in und durch uns, und sogar als uns wirkt, um Ratzon Elyon, den Willen und das Verlangen des Höchsten zu erfüllen.

[übersetzt aus: Tau Malachi: Light of Salvation]

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Binah – die göttliche Fülle

In der jüdischen Kabbala lautet der göttliche Name für Binah “Yahweh, ausgesprochen als Elohim”. Wie wir im Kapitel über Da’at, das den Namen “Yahweh Elohim” mit Binah teilt, entdeckten, verweist dieser Name auf die eine Lebenskraft, die viele Formen annimmt. Wie wir bereits sahen, ist die Pleroma (Fülle) der göttlichen Fülle im eigentlichen Sinne Chochmah, während Binah die uranfängliche Leere oder Empfänglichkeit ist. Durch Binah wird die göttliche Fülle verwirklicht.

Eine Möglichkeit, dies näher zu verdeutlichen ist der Partzuf von Binah, Ima oder Aima (die Mutter) und die Vorstellung des Mutterschoßes. Ursprünglich repräsentiert der Schoß die Leere. Nach der Empfängnis ist er jedoch die göttliche Fülle. Vor ihrer Vereinigung sind die Kraft des Vaters und die Matrix (Gebärmutter) der Mutter nur ein Potential. Durch ihre Vereinigung verwirklichen sie dieses Potential gegenseitig. Auf diese Analogie von Mann und Frau weist der Name Elohim selbst hin. Er ist ein feminines Substantiv mit einem maskulinen Plural. Er legt den Schoß der schwangeren Frau, die absolute Einheit in der unendlichen Vielfalt nahe.

Manche Okkultisten haben die Bedeutung von Elohim als eine Vielzahl von Göttern und Göttinnen beschrieben, als die Vorstellungen des heidnischen Glaubens. Solch eine Assoziation missversteht jedoch die Subtilität dieses göttlichen Namens vollkommen. Zuerst sollte man verstehen, dass mit der Idee von Mutter und Vater nicht zwei Götter gemeint sind, sondern nur einer. Das Prinzip von Kraft und Form, Chochmah und Binah, ist eins in der überirdischen Welt. Als zweites sollte man verstehen, dass die Idee hinter einem weiblichen Substantiv mit einem maskulinen Plural nicht eine Vielzahl von Göttinnen und Göttern nahelegt, sondern eher einen göttlichen Elternteil, der unendlich erzeugen und gebären kann. Drittens ist die Pluralität, die mit dem göttlichen Wesen assoziiert wird eine Vielfalt der Qualitäten, Attribute oder scheinbaren Funktionen, vergleichbar solchen, die eine Person haben kann. Zum Beispiel kann eine Frau bei der Arbeit eine Spezialistin sein, wie eine Lehrerin und als solche mag sie viele verschiedene Quälitäten haben. Gleichzeitig kann sie auch eine Tochter, Schwester, Freundin, Ehefrau, Mutter oder Leiterin eines Vereins sein. Was für Qualitäten, Attribute oder Funktionen ihr auch immer zugeschrieben werden, sie selbst geht über sie hinaus. Sie ist sie selbst.

So ähnlich ist es mit der Beziehung von Gott zu den Qualitäten, Attributen und Funktionen Gottes in der Schöpfung. Elohim als ein Name Gottes bedeutet nicht eine Vielzahl von verschiedenen Göttern und Göttinnen, sondern eher ein höchstes Wesen, dass sich durch unzählige Qualitäten oder Attribute und Funktionen manifestiert. Diese formen die Matrix der Schöpfung. Eine solche Erkenntnis gibt Einsicht in das Wesen der Olamot und Sefirot. Sie sind Elohim, die vielen Qualitäten Gottes in der Schöpfung. Die Sefirot existieren in der heiligen Einheit, die Gott ist. Sie dürfen nicht auf irgendeine Weise getrennt von Gott oder von einander gesehen werden. Sie sind wie die Kabbala sagt “wie die Flamme mit der Kohle verbunden”.

[aus Tau Malachi: Gnosis of the Cosmic Christ. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2005. – S. 121-123]

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