Thomasevangelium – Vers 18

Thomasevangelium – Vers 18

“Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, in welcher Weise unser Ende sein wird! Jesus sagte: Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, daß ihr nach dem Ende fragt? An dem Ort, wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein. Selig ist, wer am Anfang stehen wird. Und er wird auch das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken.” (Übersetzung von Roald Zellweger)

Was ist der „Anfang“, in dem du das Ende finden wirst? Sicherlich ist es die Absicht Gottes in der Schöpfung, denn der Beginn der Schöpfung ist der heilige Gedanke oder die heilige Absicht, aus der alles hervorgeht in Übereinstimmung mit dem Wort und der Weisheit des höchsten Gottes. Um das Ende oder die Erfüllung der Schöpfung zu verstehen, musst du deshalb den Anfang begreifen, nämlich den Willen Gottes in der Schöpfung und den Willen Gottes in deiner Seele. Denn es ist dieser göttliche Wille, der letztlich dein Ende sein wird.

Nun sagen uns unsere Lehrer, dass die heilige Absicht Gottes in der Schöpfung die Offenbarung des göttlichen Menschen war und ist, dass die gesamte Schöpfung das Ziel hat, die Seele des Messias zu offenbaren. Der erste heilige Gedanke Gottes ist des Bild von Godselbst in der Form Adam Kadmons, des uranfänglichen Menschen. Aus diesem heiligen Gedanken und Bild wurde Adam Ha-Rishon, der erste Mensch, geschaffen. Da das Erste auch das Letzte ist, ist das „Ende“ der offenbarte göttliche Mensch nach dem Bild des Herrn in bewußter Einheit mit Gott, also spirituell erwacht.

Es gibt die Involution (Rückbildung) im Prozess der Schöpfung, wenn sie für die Evolution notwendig ist, Involution, die in Stufen verläuft und dadurch Evolution, die ebenso in Stufen verläuft. Am Anfang ist der erste Mensch sich der heiligen Einheit mit Gott nicht bewußt und muss deshalb „in Ungnade fallen“, oder einbezogen werden in den Prozess der Schöpfung, um bewusst Individualität und Selbsterkenntnis zu entwickeln und eine bewusste Einheit mit Gott zu verwirklichen; folglich zu erwachen aus dem uranfänglichen Schlaf oder der Unbewusstheit. So ist die Schöpfung, die ihre Quelle und ihren Anfang in Gott hat, der fortschreitende Selbstausdruck und die Verwirklichung des unendlichen und ewigen Potentials Gottes, des göttlichen Potentials, das unerschöpflich ist. Obwohl wir vom Erwachen als vom Ende sprechen mögen, ist das göttliche Potential in Wahrheit unerschöpflich und grenzenlos (Ain Sof) und es ist kein Ende in Sicht. Es gibt ganz einfach kein Ende der schöpferischen Evolution. Deshalb wirst du, wenn du den Anfang suchst, eigentlich keinen Anfang finden.

In Wahrheit ist die Schöpfung eine ununterbrochene Folge des Werdens ohne Anfang, dessen Quelle und Grundlage der Eine-ohne-Ende, der heilige Eine des Seins ist. Dieses ist die Beschaffenheit des Wirklichkeits-Wahrheits-Kontinuums, es ist ohne Anfang oder Ende. Es ist diese Gnosis (Erkenntnis), die den heiligen Orden Melchizedeks ausmacht. Von den Eingeweihten diese Ordens wird gesagt, das sie ohne Abstammung sind, das sie keinen Beginn ihrer Tage noch ein Ende ihres Lebens haben, sondern dass sie in bewusster Einheit mit dem höchsten Gott als Priesterkönige für immer bleiben. Damit enthält dieser Vers den geheimen Eingang in den heiligen Orden des Melchizedek, indem er auf den Hauptschlüssel zu den Geheimnissen hinweist, den die Eingeweihten dieses Ordens besitzen.

Der Meister spricht von dem innersten geheimen Schlüssel zu den Mysterien. Dieser Schlüssel widerspiegelt sich im Wissen, das der Autor des Briefes an die Hebräer hat. Es ist ein Brief, der nicht an die äußere Versammlung der Auserwählten sondern an die innere Versammlung geschrieben wurde, so dass, nachden sie bereits in das Heiligtum des Rosenkreuzes eingetreten waren, sie auch in die innerste geheime Versammlung des dreifachen Ordens des Melchizedek eintreten konnten. Im Zusammenhang mit unserem Vers bietet der Brief an die Hebräer eine gute Quelle zur Kontemplation.

Verstehe den Beginn als die Absicht Gottes in der Schöpfung. Seinen Platz im Anfang einzunehmen bedeutet nicht nur die Erlangung der Selbsterkenntnis, sondern es bedeutet auch, als bewusster Vermittler des Willens Gottes an die Menschheit und auf der Erde zu handeln. Jemand, der eintritt in die Erkenntnis des Christ-Selbst wie Yeshua Messia, wird eine Verkörperung des lebendigen Wortes und ein bewusster Mit-Schöpfer Gottes. Aus diesem Grunde informiert uns der Meister, dass wir potentiell grössere Dinge vollbringen werden, als die Dinge, die wir ihn haben vollbringen sehen. Der heilige Geist wird sich in jeder Seele, die zu Christus erwacht, auf einzigartige Weise offenbaren, und jede dieser Seelen wird viel mehr erreichen als schon vollbracht ist. Es ist noch immer die Wiederauferstehung der Welt zu vollbringen, und der Geist der Wahrheit in der apostolischen Folge arbeitet auf dieses noch nicht erreichte Ziel hin. Obwohl dies eine Lehre ist zum Eintreten in die perfekte Ruhe und in die Brautkammer, ist es auch ein Ruf nach erleuchtetem Handeln.

Nun sprechen gnostische Meister vom Anfang noch in einer anderen Weise. Sie sagen, dass der Anfang das helle Licht ist, das die Beschaffenheit unseres Bewußtseins und Seins ist, der wahre Kern und die wahre Gegenwart Gottes im innersten Teil unserer Seele. Genesis lesend, hören wir von der ersten Äußerung Gottes durch das heilige Wort: Es werde Licht! Dieses Licht kommt vor allem Anderen, sogar vor Sonne, Mond, Planeten und Sternen. Es ist nicht irgendein bekanntes Licht, sondern ein verstecktes und durchsichtiges Licht, das heilige Licht, wie es war vor dem Punkt des Beginns. Dieses überirdische Licht ist in Wirklichkeit der Geist des Messias. Aus diesem Licht, sagt uns der Prophet, formte der Herr das Licht und erschuf die Dunkelheit. „Formen“ bedeutet, das diese Licht offenbart wurde, aber nicht erschaffen. Demnach ist dieses Licht ohne Anfang und ohne Ende. Wirklich, es ist der Geist der nicht geboren wird und nicht stirbt, es ist der Geist des Messias.

Dieses Licht ist das Licht der Bewußtheit. Es ist reine, ursprüngliche, uranfängliche Bewußtheit, die das Wesen allen Bewußtseins ist, der innerste Kern unseres Bewußtseins oder unserer Seele auf jeder Ebene, sogar auf der unwissenden und alltäglichen Ebene des Bewußtseins. Dieses Wesen des Bewußtseins als durchsichtiges Licht zu begreifen, bedeutet Erleuchtung und Befreiung zu erreichen, Befreiung von der Gefangenschaft des Unwissens und des Todes. Der Tod ist der Teufel der Vergesslichkeit, der die Kontinuität der bewussten Existenz unterbricht. Wenn du dich an dein Christ-Selbst erinnerst wirst du erwachen und nicht wieder vergessen.

Zum Schluß will ich dir ein offenes Geheimnis verraten: Das, was dich in der Gefangenschaft hält, ist das, was dich befreien wird!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 58-60)

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