Unsere spirituelle Grundlage

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Dann wirst du lange in dem Land leben, das dir der Herr, dein Gott, gibt. (Exodus 20:12)

Für diejenigen, die eine positive Erziehung und Familienumgebung erlebt haben, stellt dieses Gebot kein Problem dar und ist eine offensichtliche Wahrheit. Für jemanden, der aus einer extrem dysfunktionalen Familie kommt und schweren Misbrauch erfahren hat, kann die Vorstellung, Vater und Mutter zu ehren, tief beunruhigend und sehr schwierig sein. In alten Zeiten jedoch, als die Thora geschrieben wurde, verurteilten erwachsene Kinder, die sich nicht um ihre alternden Eltern kümmerten, diese im Prinzip zu großem Leiden und zum Tode – was schwerer wog als jede Dysfunktion rechtfertigte. So ist das Ehren von Vater und Mutter auf der grundlegendsten und praktischsten Ebene ein Aspekt des Mitgefühls.

In und hinter diesem Gebot sind subtilere und sublime Wahrheiten den Lehren der Sophia-Gnostik zufolge. Zuallererst ist da die Idee des karmischen Kontinuums, das sich mit einer Seele transportiert und das die Ereignisse, die sich in unserem Leben entfalten, stark beeinflusst. Es reflektiert sich in den Umständen, Situationen und Ereignissen unseres Lebens. So spiegeln die Familie und Umgebung, in die wir geboren werden, unser karmisches Kontinuum wider, der Ort und die Zeit, wie wir erzogen werden und welche Bildung wir erhalten. Diese Feststellung soll nicht nahelegen, dass wir für das Verhalten der Anderen verantwortlich sind. Es bedeutet eher, dass wir auf eine Weise, auf einer Ebene verbunden sind mit den Umständen, Situationen und Ereignissen, die in unserem Leben entstehen. Karma ist im Grunde ein Gesetz von Ursache und Wirkung. Es kann jedoch auch Dinge in uns selbst repräsentieren, die wir durcharbeiten oder heilen müssen. Im Allgemeinen offenbaren sich diese Dinge durch das, was in unserem Leben geschieht. Auf einer bestimmten Ebene ermutigt uns dieses Gebot hinzusehen und zu erkennen, was wir durcharbeiten und heilen müssen, um uns von unserer karmischen Konditionierung zu befreien.

In unserer modernen Zeit ist es häufig üblich, Missbrauch in unserer Vergangenheit als Entschuldigung für unser Verhalten in der Gegenwart zu verwenden. Und tatsächlich können uns Echos aus der Vergangenheit in der Gegenwart beeinflussen. Wenn wir damit aber unser jetziges Verhalten rechtfertigen und entschuldigen, schließen wir uns in ein Muster aus Schmerz und Leid ein, aus dem wir nicht entkommen können. Das ist einfach ungesund. Irgendwann müssen wir die Vergangenheit loslassen, damit die Möglichkeit der Heilung entstehen kann. Und wir müssen Verantwortung für unser eigenes Leben und Handeln übernehmen. Das trifft besonders zu, wenn wir einen tatsächlichen Fortschritt in der Selbst-Erkenntnis im sprituellen Leben suchen. In den meisten Fällen ist es glücklicherweise unwahrscheinlich, dass der Missbrauch, der uns als Kindern zugefügt wurde, uns auch als Erwachenen zugefügt werden kann. Irgendwann muss um unseretwillen und anderer Menschen Willen die Vergebung ins Spiel kommen.

Zutreffender ist vielleicht das: Eltern und Familie sind symbolisch für uns. Wenn wir kein Verhältnis zu unseren Eltern finden, unserer Familie und unserer Kindheit, ist es schwer, uns selbst zu akzeptieren. Uns selbst zu akzeptieren ist Teil der Selbsterkenntnis, Teil der spirituellen Reise: das Licht und die Dunkelheit in uns, was wir an uns für „gut“ und „schlecht“ halten. In Wahrheit sind wir der Weg, das sprituelle Fahrzeug und die Licht-Präsenz.

Im Thomasevangelium sagt Yeshua etwas äußerst Interessantes, das auch sein Echo in anderen Evangelien findet. Er sagt: „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, wird nicht mein Jünger werden können. Und wer seinen Vater und seine Mutter nicht liebt wie ich, wird nicht mein Jünger werden. Denn meine Mutter gebar mich, aber meine Wahre Mutter gab mir das Leben.“ (Vers 101) Essenziell sind Vater, Mutter und Familie Erweiterungen des egoistischen Selbst, der persönlichen Geschichte; sie sind Konzepte in unserem Geist. Wenn Yeshua davon redet, Vater und Mutter zu „hassen“, gibt er uns zu verstehen, dass wir durch die Ego-Illusion und durch alles sie Unterstützende hindurchblicken sollen. Das schließt das Erkennen der illusionären Qualität unserer Konzepte von anderen Menschen ein. Wenn er davon spricht, Vater und Mutter zu „lieben“, gibt er uns zu verstehen, dass wir die Seele und LIcht(Christ)-Präsenz in Menschen in unserem Leben sehen sollen. Wir sollen versuchen, die Licht-Präsenz in uns selbst und in anderen hervorzubringen und zu ehren. Wenn wir in der Lage sind, dies mit den Menschen zu tun, die so eng mit unserer persönlichen Geschichte verbunden sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir es auch mit anderen Menschen in unserem Leben erfolgreich tun können. Das befähigt uns wiederum zur Erkenntnis der Licht-Präsenz in uns selbst.

Der Gedanke unserer Wahren Mutter, der Göttlichen Mutter und des Heiligen Geistes, erweist sich ebenfalls als Schlüssel zur Heilung derjenigen, die eine schwierige Famliliensituation erlebt haben. Er gibt uns eine spirituelle Interpretation des Gebots: unsere Göttlichen Eltern oder die Eine Lebenskraft in und hinter dem Bild von unseren persönlichen Eltern zu ehren. Denn die Eine Lebenskraft und das Universum sind unsere Heilige Mutter und unser Vater in einem sehr wirklichen Sinne. In den Lehren der Sophia-Gnostik wird dieser Gedanke auch auf unsere spirituellen Lehrer und Mentoren ausgedehnt, die wir respektieren. Sie dienen als Hebammen für die Lichtseele in uns.

Das Gebot weist auch auf eine einfache Methode hin, um das Heilige Herz des Mitgefühls hervorzubringen. Sie wird oft von Eingeweihten der Sophia-Gnostik verwendet und ist besonders kraftvoll, wenn wir positive Erfahrungen mit unserem Vater, unserer Mutter und Familie haben. Die Wanderung der Seele durch unzählige Leben ist eine allgemein bekannte Lehre in der christlichen Gnostik. So waren alle Wesen Mutter, Vater und Familie für uns. Diese Idee zu kontemplieren und darüber zu meditieren, kann uns helfen, Liebe und Mitgefühl für alle zu entwickeln. Das Ehren von Mutter und Vater wird auf alle Wesen ausgedehnt. Es widerspiegelt unser Bewußtsein der Heiligen Einheit, in der wir mit allen Lebewesen verbunden und verwandt sind.

Wenn wir dieses Gebot auf einfache Weise ausdrücken sollten, könnte man es so sagen: Ehre die spirituelle Grundlage deines Lebens.

[Übersetzt aus: Tau Malachi: Living Gnosis. – Woodbury, MN : Llewellyn, 2005, S. 130-133]

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Eine Antwort zu “Unsere spirituelle Grundlage

  1. Wow, das ist wirklich schön und es stimmt auch. Ich weiß gar nicht, was ich dazu noch sagen kann.

    Ehre die spirituelle Grundlage deines Lebens!

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