Thomasevangelium – Vers 110

Jesus sprach: “Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll auf die Welt verzichten.“

Auf die Welt zu verzichten, bedeutet sehr wenig für jemanden, der keinen Erfolg in der Welt gehabt hat und der gern der Notwendigkeit entkommen möchte, dass Leben zu leben wegen seiner oder ihrer verspürten Armut, seines oder ihres verspürten Versagens oder seiner oder ihrer verspürten Unzulänglichkeit. Aber das Verzichten auf die Welt auf der Grundlage eines solchen Selbstbewußtseins und solcher Unsicherheit hat wenig oder keine Bedeutung und kann nicht zu etwas Gutem und Erhabenem führen. Tatsächlich kann man Vieles, was das Verzichten auf die Welt motiviert, leicht als Feigheit bezeichnen! Der echte spirituell Suchende jedoch, der ein Diener Gottes und spiritueller Kämpfer werden will, ist alles andere als ein Feigling. Die Seele, die den mystischen Weg sucht, muss stark sein, mutig und den Erfolg suchend, ob nun in mundänen oder über das Mundäne hinausgehenden Angelegenheiten.

“Ich Verzichte auf die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, um Gott und den Himmel zu suchen!“ Wie kann ich auf etwas verzichten, dass ich nicht habe und nie eine Chance hatte zu erreichen? Tatsächlich kann ich auf nichts verzichten, das ich nicht in meiner eigenen Erfahrung besitze. Ebenso muss ich ein Leben haben, um es Gott darzubringen. Es scheint als ob der Meister uns sagt: “Lebe dein Leben, damit du etwas hast, das du Gott darbringen kannst.“

Lasst uns die Bedeutung des Wortes Verzichten näher betrachten. Es bedeutet nicht, dass wir etwas vermeiden, verlassen, etwas entfliehen oder es leugnen. Es geht nicht um Selbstverleugnung irgend einer Art, wenigstes nicht von der Art, die die Verleumdung der Lebensfreude als etwas Heiliges betrachtet. Nein. Verzicht bedeutet einfach loszulassen und Dinge nicht mehr als seinen persönlichen Besitz zu betrachten. Es bedeutet nicht mehr nach dem zu greifen, auf das man verzichtet, um ein Mittel zu haben, seinen Egoismus zu nähren und zu erhalten. Es geht darum, auf den falschen Anspruch des Besitzens von Menschen, Orten und Dingen zu verzichten und mehr noch, auf den Besitz subtiler Objekte, wie Gedanken, Gefühle usw. In diesem Sinne, was immer wir haben, auf das muss verzichtet werden und auf was wir verzichten müssen, ist verschieden für jeden Menschen. Jeder hat andere Dinge, die er im Leben loslassen und Gott darbringen muss.

Interessanterweise führt solch ein Verzicht zu größerer Freude an Allem in der eigenen Lebenserfahrung und zu der zunehmenden Freiheit, man selbst zu sein.

Wir können auch von Verzicht sprechen im Bezug auf das Loslassen unserer begrenzten Weltsicht, unserer geschätzen Überzeugungen, von Vorurteilen, Vorbedingungen und Erwartungen. Von allen Dingen, die uns davon abhalten, die Realität oder Gott so zu sehen, wie sie sind. Also ist der Verzicht ein Begriff für das Leerwerden von uns selbst, so dass wir vom Geist Gottes erfüllt werden können. Auf diese beiden Arten verstehen wir den Verzicht in den Lehren.

[Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 337-338]

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2 Antworten zu “Thomasevangelium – Vers 110

  1. Hallo!
    Ein „gewinnbringender Verzicht“ ist es unter anderem, wenn darauf verzichtet wird zu urteilen (dies ist schlecht, dies ist gut usw.) und man das Leben annimmt und liebt wie es ist, mit all seinen Facetten, wir sind doch alle Mitschöpfer unseres Daseins. Somit wird auch der Grundsatz „Urteile nicht damit du nicht verurteilt wirst“ intuitiv wahrnehmbar.

    Liebe Licht Leben – Karl-Heinz

    • Hallo Karl-Heinz,

      ja, das ist wahr, wir sollen darauf verzichten, über andere zu urteilen und Jesus lehrt uns, Gott und unsere Mitmenschen zu lieben, also im Geist immer offen und aufnahmefähig für andere zu bleiben. Dazu müssen wir unsere negativen Gefühle, wie Angst, Hass, Neid, Gier usw. ablegen oder transformieren, denn in jedem negativen Gefühl steckt ein positiver Kern. Wenn wir uns z.B. Empfindungen des Neids für eine Person anschauen, steckt dahinter der Wunsch, etwas von dem, was diese Person vollbracht hat, selbst zu können. Wenn wir dann nach unserer Selbstverwirklichung suchen, haben wir dieses negative Gefühl transformiert.

      Eine der wichtigsten Übungen in der Sophia-Gnostik, die auch in anderen Traditionen Verwendung findet, ist die Geben-und-Empfangen-Meditation wie sie auch hier im Blog beschrieben wird (s. Meditation).

      Lichtvolle Grüße & Segen,
      Martina

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