Wie beschreibt man die mystische Erfahrung?

Mein Mann, der selbst kein Mystiker ist, fragt mich, wie ich die mystische Erfahrung beschreiben würde. In der Meditation kommt plötzlich eine Antwort auf diese Frage: Es ist, als würde man sich zum ersten Mal verlieben. Man kann es nur schwer jemandem erklären, der nie verliebt war. Die Erfahrung geht über alle Worte hinaus. Der Vers 2 des gnostischen Thomasevangeliums beschreibt sie aber doch sehr gut:

Jesus sagte: ,,Der Suchende soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er in Erschütterung geraten; und (wenn) er erschüttert ist, wird er in Verwunderung geraten, und er wird König über das All werden.”

Zuerst sind wir im Verliebtsein erschüttert. Wir identifizieren uns mit dem Geliebten. Die Trennung zwischen uns und dem Anderen wird aufgehoben und wir sind verwundert. In der mystischen Erfahrung erleben wir die Einheit mit Gott, die Aufhebung von Subjekt und Objekt. Unser Bewusstsein erweitert sich und wir erleben Gottes vollkommene Liebe direkt. Was die Wissenschaft uns nahe legt als Erkenntnis wird zur Erfahrung: alles besteht im Kern aus Licht. Gleichzeitig erleben wir, dass man in Gott immer mehr zu sich selbst findet. Das klassische Beispiel hierfür ist, dass man ein Tropfen in einem Ozean aus Licht ist, aber der gesamte Ozean durch den Tropfen fließt und der Tropfen nicht verschwindet.

Wie in der Liebe kommt es vor, dass in der mystischen Erfahrung unser Herz bricht. Unsere Vorstellungen und Konzepte von Gott erweisen sich als falsch. Wir merken, dass sie wie eine Kruste unser wahres Herz umschlossen haben, in dem für alles und jeden Platz ist.

Diese Veränderungen erlebt man, wenn man sich auf seine mystischen Erfahrungen einlässt. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass diese Welt viel weniger von uns getrennt ist, als es scheint, genau wie uns von unserem Geliebten viel weniger trennt als wir denken.

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Eine Antwort zu “Wie beschreibt man die mystische Erfahrung?

  1. Wunderbar geschrieben! Sie haben viel gesagt in dieser Kürze.
    Danke, und herzliche Grüße.
    Stefan

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