Archiv der Kategorie: Thomasevangelium

Wie beschreibt man die mystische Erfahrung?

Mein Mann, der selbst kein Mystiker ist, fragt mich, wie ich die mystische Erfahrung beschreiben würde. In der Meditation kommt plötzlich eine Antwort auf diese Frage: Es ist, als würde man sich zum ersten Mal verlieben. Man kann es nur schwer jemandem erklären, der nie verliebt war. Die Erfahrung geht über alle Worte hinaus. Der Vers 2 des gnostischen Thomasevangeliums beschreibt sie aber doch sehr gut:

Jesus sagte: ,,Der Suchende soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er in Erschütterung geraten; und (wenn) er erschüttert ist, wird er in Verwunderung geraten, und er wird König über das All werden.”

Zuerst sind wir im Verliebtsein erschüttert. Wir identifizieren uns mit dem Geliebten. Die Trennung zwischen uns und dem Anderen wird aufgehoben und wir sind verwundert. In der mystischen Erfahrung erleben wir die Einheit mit Gott, die Aufhebung von Subjekt und Objekt. Unser Bewusstsein erweitert sich und wir erleben Gottes vollkommene Liebe direkt. Was die Wissenschaft uns nahe legt als Erkenntnis wird zur Erfahrung: alles besteht im Kern aus Licht. Gleichzeitig erleben wir, dass man in Gott immer mehr zu sich selbst findet. Das klassische Beispiel hierfür ist, dass man ein Tropfen in einem Ozean aus Licht ist, aber der gesamte Ozean durch den Tropfen fließt und der Tropfen nicht verschwindet.

Wie in der Liebe kommt es vor, dass in der mystischen Erfahrung unser Herz bricht. Unsere Vorstellungen und Konzepte von Gott erweisen sich als falsch. Wir merken, dass sie wie eine Kruste unser wahres Herz umschlossen haben, in dem für alles und jeden Platz ist.

Diese Veränderungen erlebt man, wenn man sich auf seine mystischen Erfahrungen einlässt. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass diese Welt viel weniger von uns getrennt ist, als es scheint, genau wie uns von unserem Geliebten viel weniger trennt als wir denken.

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Ahava – Liebe

Vor Kurzem habe ich diese wunderbare Kontemplation im Forum der Sophia Fellowship gefunden und möchte sie hier an euch weitergeben. Sie besteht aus Zitaten zum Thema Liebe (hebräisch Ahava), die Bruder +Yonah aus biblischen und gnostischen heiligen Schriften zusammengetragen hat:

„Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (1 Johannes 4:16)

“Ihr wisst, dass es heißt: Liebe deinen Mitmenschen; hasse deinen Feind. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen. So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne scheinen auf böse Menschen wie auf gute, und er lässt es regnen auf alle, ob sie ihn ehren oder verachten. Wie könnt ihr von Gott eine Belohnung erwarten, wenn ihr nur die liebt, die euch ebenfalls lieben? Das tun auch die Betrüger! Was ist denn schon Besonderes daran, wenn ihr nur zu euresgleichen freundlich seid? Das tun auch die, die Gott nicht kennen! Nein, wie die Liebe eures Vaters im Himmel, so soll auch eure Liebe sein: vollkommen und ungeteilt.” (Matthäus 5:43-48)

„Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.“ (1 Korinther 13:1-3)

„Die Liebe ist geduldig und gütig. Die Liebe eifert nicht für den eigenen Standpunkt, sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Die Liebe nimmt sich keine Freiheiten heraus, sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie lässt sich nicht zum Zorn reizen und trägt das Böse nicht nach. Sie ist nicht schadenfroh, wenn anderen Unrecht geschieht, sondern freut sich mit, wenn jemand das Rechte tut. Die Liebe gibt nie jemand auf, in jeder Lage vertraut und hofft sie für andere; alles erträgt sie mit großer Geduld. Niemals wird die Liebe vergehen. Prophetische Eingebungen hören einmal auf, das Reden in Sprachen des Geistes verstummt, auch die Erkenntnis wird ein Ende nehmen… Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe.“ (1 Korinther 13:4-8, 13)

„Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert. Ihr kennt die Gebote: „Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.“ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.“ (Römer 13:8-10)

„Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. Wenn jemand behauptet: „Ich liebe Gott“, und dabei seinen Bruder oder seine Schwester hasst, dann lügt er. Wenn er seine Glaubensgeschwister, die er sieht, nicht liebt, dann kann er Gott, den er nicht sieht, erst recht nicht lieben. Gott gab uns dieses Gebot: Wer ihn liebt, muss auch seinen Bruder und seine Schwester lieben.“ (1 Johannes 4:19-21)

Jesus sagte: „Liebe deine Freunde wie deine Seele, hüte sie wie deinen Augapfel.“ (Thomasevangelium Vers 25)

„Der Glaube empfängt, die Liebe gibt. [Niemand wird] ohne den Glauben [empfangen können]. Niemand wird ohne Liebe geben können. Daher, damit wir nun empfangen, glauben wir. Damit wir lieben, geben wir. Denn wenn jemand nicht aus Liebe gibt, hat er keinen Nutzen von dem, was er gegeben hat.“ (Evangelium des Phillip, Vers 45)

„Die Liebe [sagt von] nichts, dass es ihr [gehört, obgleich doch alles] ihr gehört. Sie [sagt] nicht [: “Jenes ist meins”] oder: “dieses ist meins”, [sondern: “alles,] was [mir] gehört, gehört dir.” (Evangelium des Phillip, Vers 110)

Maria sagte: “Verstehe, wie man liebt und du wirst ungeteilt sein. Dies ist die Buße, die der Herr lehrte, und sie ist die vollkommene Taufe.” (Geheimes Evangelium der Maria Magdalena, Vers 25)

Maria sagte: “Webt euch selbst Lichtkleider, damit ihr nicht nackt seid, wenn ihr vor die Himmelskönigin tretet. Im Glauben und in der Fülle des Wissens tut gute Werke und liebt einander. Dann werdet ihr im Geist des Herren Lichtkleider haben.“ (Geheimes Evangelium der Maria Magdalena, Vers 92)

Maria sagte: “Wenn du nicht lieben kannst, kannst du nicht einheitlich sein. Jemand der geteilt ist, ist zur Zerstörung bestimmt.” (Geheimes Evangelium der Maria Magdalena, Vers 129)

Maria sagte: “Wissen, Verstehen und Weisheit sind nicht mächtiger als die Liebe, denn sie kommen aus der Vereinigung und es ist die Liebe, die vereinigt. Jemand der liebt, erhält Wissen, Verstehen und Weisheit, aber ohne Liebe ist niemand weise. Wenn es Macht gibt, die von der Liebe getrennt ist, so ist sie böse und gebiert Böses, wo aber Liebe ist, wird Macht mit Weisheit ausgeübt. Alles Gute kommt durch die Liebe.” (Geheimes Evangelium der Maria Magdalena, Vers 136)

Maria sagte: “Wenn du alles Wissen hast, aber dir fehlt die Liebe, so fehlt dir jegliches Wissen.” (Geheimes Evangelium der Maria Magdalena, Vers 169)

Thomasevangelium – Vers 110

Jesus sprach: “Wer die Welt gefunden hat und reich geworden ist, der soll auf die Welt verzichten.“

Auf die Welt zu verzichten, bedeutet sehr wenig für jemanden, der keinen Erfolg in der Welt gehabt hat und der gern der Notwendigkeit entkommen möchte, dass Leben zu leben wegen seiner oder ihrer verspürten Armut, seines oder ihres verspürten Versagens oder seiner oder ihrer verspürten Unzulänglichkeit. Aber das Verzichten auf die Welt auf der Grundlage eines solchen Selbstbewußtseins und solcher Unsicherheit hat wenig oder keine Bedeutung und kann nicht zu etwas Gutem und Erhabenem führen. Tatsächlich kann man Vieles, was das Verzichten auf die Welt motiviert, leicht als Feigheit bezeichnen! Der echte spirituell Suchende jedoch, der ein Diener Gottes und spiritueller Kämpfer werden will, ist alles andere als ein Feigling. Die Seele, die den mystischen Weg sucht, muss stark sein, mutig und den Erfolg suchend, ob nun in mundänen oder über das Mundäne hinausgehenden Angelegenheiten.

“Ich Verzichte auf die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, um Gott und den Himmel zu suchen!“ Wie kann ich auf etwas verzichten, dass ich nicht habe und nie eine Chance hatte zu erreichen? Tatsächlich kann ich auf nichts verzichten, das ich nicht in meiner eigenen Erfahrung besitze. Ebenso muss ich ein Leben haben, um es Gott darzubringen. Es scheint als ob der Meister uns sagt: “Lebe dein Leben, damit du etwas hast, das du Gott darbringen kannst.“

Lasst uns die Bedeutung des Wortes Verzichten näher betrachten. Es bedeutet nicht, dass wir etwas vermeiden, verlassen, etwas entfliehen oder es leugnen. Es geht nicht um Selbstverleugnung irgend einer Art, wenigstes nicht von der Art, die die Verleumdung der Lebensfreude als etwas Heiliges betrachtet. Nein. Verzicht bedeutet einfach loszulassen und Dinge nicht mehr als seinen persönlichen Besitz zu betrachten. Es bedeutet nicht mehr nach dem zu greifen, auf das man verzichtet, um ein Mittel zu haben, seinen Egoismus zu nähren und zu erhalten. Es geht darum, auf den falschen Anspruch des Besitzens von Menschen, Orten und Dingen zu verzichten und mehr noch, auf den Besitz subtiler Objekte, wie Gedanken, Gefühle usw. In diesem Sinne, was immer wir haben, auf das muss verzichtet werden und auf was wir verzichten müssen, ist verschieden für jeden Menschen. Jeder hat andere Dinge, die er im Leben loslassen und Gott darbringen muss.

Interessanterweise führt solch ein Verzicht zu größerer Freude an Allem in der eigenen Lebenserfahrung und zu der zunehmenden Freiheit, man selbst zu sein.

Wir können auch von Verzicht sprechen im Bezug auf das Loslassen unserer begrenzten Weltsicht, unserer geschätzen Überzeugungen, von Vorurteilen, Vorbedingungen und Erwartungen. Von allen Dingen, die uns davon abhalten, die Realität oder Gott so zu sehen, wie sie sind. Also ist der Verzicht ein Begriff für das Leerwerden von uns selbst, so dass wir vom Geist Gottes erfüllt werden können. Auf diese beiden Arten verstehen wir den Verzicht in den Lehren.

[Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 337-338]

Über das Thomasevangelium

Apostel Thomas von Diego Velázquez

Apostel Thomas von Diego Velázquez

Dies sind die geheimen Worte, die Jesus der Lebende sprach und die Didymus Judas Thomas aufgeschrieben hat. Und er sprach: Wer die Interpretation dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

(Thomasevangelium Vers 1)

So beginnt das Evangelium des Thomas, das zu den gnostischen Schriften gehört, die 1945 in dem kleinen Ort Nag Hammadi in Oberägypten gefunden wurden und seither als die Nag Hammadi Bibliothek bekannt geworden sind. Es besteht im Gegensatz zu den in der Bibel enthaltenen Evangelien aus einer Sammlung von 114 Versen. Es wird keine handlungsorientierte Geschichte der Person Jesu erzählt, sondern der „lebendige Jesus“ spricht im Geheimen, im Inneren. Christus wohnt in dir, und wenn du in dich gehst, wird Christus zu dir sprechen, dich lehren und dich auf dem Weg des Erwachens führen. Um zu hören und zuzuhören, muß Stille in dir sein. Du mußt frei sein von dir selbst und erfüllt vom Heiligen Geist. Um frei zu sein von dir selbst, mußt du den Heiligen Geist empfangen und durch ihn wiedergeboren werden, so dass du dadurch Jesu *Zwilling wirst. Nur so kannst du selbst Gnosis erlangen.

*Didymos bedeutet Zwilling

Empfehlenswerte Bücher:

Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : Meditations on the Mystical Teachings. – Llewellyn, 2004. – 384 S.

Jean-Yves Leloup: Das Evangelium des Thomas. – Spuren Edition, 2008. – 262 S.

Elaine Pagels: Das Geheimnis des fünften Evangeliums. – Dtv, 2006. – 239 S.

Nag Hammadi Deutsch / hrsg. von Hans-Martin Schenke [u.a.]. – Berlin, 2007

(Größte bekannte Sammlung früher gnostischer Schriften, die 1945 durch Zufall in der Nähe der Stadt Nag Hammadi (Ägypten) in Tonkrügen entdeckt wurden)


Unsere spirituelle Grundlage

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Dann wirst du lange in dem Land leben, das dir der Herr, dein Gott, gibt. (Exodus 20:12)

Für diejenigen, die eine positive Erziehung und Familienumgebung erlebt haben, stellt dieses Gebot kein Problem dar und ist eine offensichtliche Wahrheit. Für jemanden, der aus einer extrem dysfunktionalen Familie kommt und schweren Misbrauch erfahren hat, kann die Vorstellung, Vater und Mutter zu ehren, tief beunruhigend und sehr schwierig sein. In alten Zeiten jedoch, als die Thora geschrieben wurde, verurteilten erwachsene Kinder, die sich nicht um ihre alternden Eltern kümmerten, diese im Prinzip zu großem Leiden und zum Tode – was schwerer wog als jede Dysfunktion rechtfertigte. So ist das Ehren von Vater und Mutter auf der grundlegendsten und praktischsten Ebene ein Aspekt des Mitgefühls.

In und hinter diesem Gebot sind subtilere und sublime Wahrheiten den Lehren der Sophia-Gnostik zufolge. Zuallererst ist da die Idee des karmischen Kontinuums, das sich mit einer Seele transportiert und das die Ereignisse, die sich in unserem Leben entfalten, stark beeinflusst. Es reflektiert sich in den Umständen, Situationen und Ereignissen unseres Lebens. So spiegeln die Familie und Umgebung, in die wir geboren werden, unser karmisches Kontinuum wider, der Ort und die Zeit, wie wir erzogen werden und welche Bildung wir erhalten. Diese Feststellung soll nicht nahelegen, dass wir für das Verhalten der Anderen verantwortlich sind. Es bedeutet eher, dass wir auf eine Weise, auf einer Ebene verbunden sind mit den Umständen, Situationen und Ereignissen, die in unserem Leben entstehen. Karma ist im Grunde ein Gesetz von Ursache und Wirkung. Es kann jedoch auch Dinge in uns selbst repräsentieren, die wir durcharbeiten oder heilen müssen. Im Allgemeinen offenbaren sich diese Dinge durch das, was in unserem Leben geschieht. Auf einer bestimmten Ebene ermutigt uns dieses Gebot hinzusehen und zu erkennen, was wir durcharbeiten und heilen müssen, um uns von unserer karmischen Konditionierung zu befreien.

In unserer modernen Zeit ist es häufig üblich, Missbrauch in unserer Vergangenheit als Entschuldigung für unser Verhalten in der Gegenwart zu verwenden. Und tatsächlich können uns Echos aus der Vergangenheit in der Gegenwart beeinflussen. Wenn wir damit aber unser jetziges Verhalten rechtfertigen und entschuldigen, schließen wir uns in ein Muster aus Schmerz und Leid ein, aus dem wir nicht entkommen können. Das ist einfach ungesund. Irgendwann müssen wir die Vergangenheit loslassen, damit die Möglichkeit der Heilung entstehen kann. Und wir müssen Verantwortung für unser eigenes Leben und Handeln übernehmen. Das trifft besonders zu, wenn wir einen tatsächlichen Fortschritt in der Selbst-Erkenntnis im sprituellen Leben suchen. In den meisten Fällen ist es glücklicherweise unwahrscheinlich, dass der Missbrauch, der uns als Kindern zugefügt wurde, uns auch als Erwachenen zugefügt werden kann. Irgendwann muss um unseretwillen und anderer Menschen Willen die Vergebung ins Spiel kommen.

Zutreffender ist vielleicht das: Eltern und Familie sind symbolisch für uns. Wenn wir kein Verhältnis zu unseren Eltern finden, unserer Familie und unserer Kindheit, ist es schwer, uns selbst zu akzeptieren. Uns selbst zu akzeptieren ist Teil der Selbsterkenntnis, Teil der spirituellen Reise: das Licht und die Dunkelheit in uns, was wir an uns für „gut“ und „schlecht“ halten. In Wahrheit sind wir der Weg, das sprituelle Fahrzeug und die Licht-Präsenz.

Im Thomasevangelium sagt Yeshua etwas äußerst Interessantes, das auch sein Echo in anderen Evangelien findet. Er sagt: „Wer nicht seinen Vater und seine Mutter hasst, wird nicht mein Jünger werden können. Und wer seinen Vater und seine Mutter nicht liebt wie ich, wird nicht mein Jünger werden. Denn meine Mutter gebar mich, aber meine Wahre Mutter gab mir das Leben.“ (Vers 101) Essenziell sind Vater, Mutter und Familie Erweiterungen des egoistischen Selbst, der persönlichen Geschichte; sie sind Konzepte in unserem Geist. Wenn Yeshua davon redet, Vater und Mutter zu „hassen“, gibt er uns zu verstehen, dass wir durch die Ego-Illusion und durch alles sie Unterstützende hindurchblicken sollen. Das schließt das Erkennen der illusionären Qualität unserer Konzepte von anderen Menschen ein. Wenn er davon spricht, Vater und Mutter zu „lieben“, gibt er uns zu verstehen, dass wir die Seele und LIcht(Christ)-Präsenz in Menschen in unserem Leben sehen sollen. Wir sollen versuchen, die Licht-Präsenz in uns selbst und in anderen hervorzubringen und zu ehren. Wenn wir in der Lage sind, dies mit den Menschen zu tun, die so eng mit unserer persönlichen Geschichte verbunden sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir es auch mit anderen Menschen in unserem Leben erfolgreich tun können. Das befähigt uns wiederum zur Erkenntnis der Licht-Präsenz in uns selbst.

Der Gedanke unserer Wahren Mutter, der Göttlichen Mutter und des Heiligen Geistes, erweist sich ebenfalls als Schlüssel zur Heilung derjenigen, die eine schwierige Famliliensituation erlebt haben. Er gibt uns eine spirituelle Interpretation des Gebots: unsere Göttlichen Eltern oder die Eine Lebenskraft in und hinter dem Bild von unseren persönlichen Eltern zu ehren. Denn die Eine Lebenskraft und das Universum sind unsere Heilige Mutter und unser Vater in einem sehr wirklichen Sinne. In den Lehren der Sophia-Gnostik wird dieser Gedanke auch auf unsere spirituellen Lehrer und Mentoren ausgedehnt, die wir respektieren. Sie dienen als Hebammen für die Lichtseele in uns.

Das Gebot weist auch auf eine einfache Methode hin, um das Heilige Herz des Mitgefühls hervorzubringen. Sie wird oft von Eingeweihten der Sophia-Gnostik verwendet und ist besonders kraftvoll, wenn wir positive Erfahrungen mit unserem Vater, unserer Mutter und Familie haben. Die Wanderung der Seele durch unzählige Leben ist eine allgemein bekannte Lehre in der christlichen Gnostik. So waren alle Wesen Mutter, Vater und Familie für uns. Diese Idee zu kontemplieren und darüber zu meditieren, kann uns helfen, Liebe und Mitgefühl für alle zu entwickeln. Das Ehren von Mutter und Vater wird auf alle Wesen ausgedehnt. Es widerspiegelt unser Bewußtsein der Heiligen Einheit, in der wir mit allen Lebewesen verbunden und verwandt sind.

Wenn wir dieses Gebot auf einfache Weise ausdrücken sollten, könnte man es so sagen: Ehre die spirituelle Grundlage deines Lebens.

[Übersetzt aus: Tau Malachi: Living Gnosis. – Woodbury, MN : Llewellyn, 2005, S. 130-133]

Thomasevangelium – Vers 1

Vers 1: Dies sind die verborgenen Worte, die der lebendige Jesus sagte, und Didymos Judas Thomas schrieb sie auf. Und er sagte: Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.”

Der Lebendige Yeshua (auferstandene Jesus) spricht im Geheimen, in dir, hinter deinem Herzen. Christus wohnt dort in dir. Wenn du in dich gehst, wird Christus dir die geheimen Lehren eröffnen und dich auf den Weg des Erwachens führen. Um zu hören und zu verstehen, mußt du still sein. Du mußt leer werden von dir selbst und dich dann vom Geist Christi erfüllen lassen. Indem dein ich stirbt, wirst du empfangen und vom Heiligen Geist wiedergeboren als der Lebendige Yeshua. Wirklich, du mußt die selbe Empfängnis, Reifung und Geburt erfahren, wie der Lebendige Yeshua. Dann wirst du sein Zwilling (Didymos) sein, ebenso geboren von der Heiligen Jungfrau, der Mutter Weisheit (Sophia). Nur auf diesem Wege kannst du die Lichtübertragung des Meisters empfangen und selbst Gnostiker werden.

Jeder ist der Lebendige Yeshua. Der gewöhnliche Mensch ist sich dessen nicht bewußt, aber der Apostel Gottes weiß es, und er lebt entsprechend der in seiner Erfahrung offenbarten Wahrheit und entsprechend des offenbarten Lichts. Ebenso ist das Königreich des Himmels hier und jetzt in dir und um dich herum. Es ist in jedem Menschen gegenwärtig. Der gewöhnliche Mensch sieht es nicht, aber der Gnostiker nimmt es war und wohnt im Königreich des Himmels hier und jetzt. Logos (Wort) und Sophia (Weisheit) findet man in jedem und allem und so auch in dir. Dort, in deinem geheimen Zentrum, im Kern deines Seins, ist der Heilige Eine. Das Christ-Selbst ist dein wahres Selbst, das Selbst in jedem Selbst, die Seele in jeder Seele. Alle sind mit ihm vereint in der Heiligen Einheit Gottes, der Vater und Mutter ist. Durch ihn wohnt der Heilige Geist der gesamten Schöpfung inne. Wenn du das weißt, wirst du den Tod nicht schmecken.

Das ist die Wahrheit, die in diesen Sprüchen oder Versen enthalten ist. Es ist die essenzielle Realität von der sie sprechen. Das Geheimnis wird offen ausgesprochen, aber wer kann es hören, verstehen und empfangen? Ob nun aufgeschrieben oder ausgesprochen, das Geheimnis bleibt so lange ein Geheimnis, bis es Teil deiner eigenen Erfahrung wird. Die Lehren können nur aufgenommen werden, wenn sie zu deiner eigenen Erfahrung werden. Dann werden sie zu einer lebendigen Einweihung – der Lichtübertragung (des Heiligen Geistes). Es ist das Ziel des Mystikers, den Lebendigen Yeshua (Jesus) direkt zu erfahren und wie der auferstandene Christus zu werden.

Was wird der Tod für jemanden bedeuten, der das Messianische Bewußtsein erlangt hat und der schon in diesem Leben im Königreich Gottes lebt? Wirklich, der Tod wird für ihn nicht das gleiche bedeuten wie für den gewöhnlichen Menschen, denn er identifiziert sich nicht selbst mit dem sterblichen Namen und der sterblichen Form. Er weiß, das in ihm ein unsterblicher Geist ist, der weder geboren wird noch stirbt. Ebenso weiß diese Person, daß das Königreich des Himmels immer in uns und um uns herum gegenwärtig ist. Er weiß, daß im Sterben sich die Erfahrung des Christus fortsetzt in einer feineren und erhabeneren Form ohne den physischen Körper. Mit diesem Wissen ist der Tod nicht länger Tod, und der Gegner hat keine Kraft über die Seele, ob nun in dieser Welt oder der kommenden. Solch eine Person ist erwacht und deshalb frei, den sie hat eine Kontinuität der Bewußtheit in alles Zuständen der Existenz. Der Tod wird kommen, wie er für alle Propheten und Heiligen gekommen ist, aber er wird nur den Anschein einer Abreise haben, den Übergang in eine andere Form der Existenz. Er wird nicht realer sein als einzuschlafen, nur um wieder zu träumen und zu erwachen. Der Tod ist für den Gnostiker nicht so sehr ein Ende als ein Neubeginn. Letztendlich besitzt er keine dauerhafte Realität, sondern ist nur ein natürlicher Moment des Übergangs. Dieses Wissen ändert alles. Meditiere darüber und du wirst es sehen!

Die Gnade Gottes bewirkt dieses Erwachen und die Wandlung, die ihm folgt. Nichts, was man selbst tut, kann diese Selbstrealisation erreichen. Jedoch sind spirituelle Übungen und spirituelles Leben die Bedingungen, unter denen die Gnade Gottes wirken kann. Ohne sie ist es unwahrscheinlich, daß der Heilige Geist in und durch einen wirken kann, um die große Aufgabe zu erfüllen. Auf einer noch tiefgreifenderen Ebene sind spirituelle Übungen und spirituelles Leben selbst das gesuchte Ziel oder die Verwirklichung. Wenn man nach den Regeln der Wahrheit und des Lichtes lebt, erwacht man natürlicherweise und empfängt die Lichtübertragung (den Heiligen Geist). Man empfängt auch nicht etwas, was man nicht schon hat, man schafft viel eher die Bedingungen, die notwendig sind, damit das Wort (Logos) und die Weisheit (Sophia) aus dem eigenen Inneren hervorströmen können. Dem zufolge geht es darum, das Christ-Selbst, das schon im tiefsten Inneren vorhanden ist, hervorscheinen zu lassen und dieses neue Leben zu leben. Spirituelle Übungen und spirituelles Leben bewirken genau dies. Übe, wie Christus zu leben, und du wirst es selbst erfahren!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 1-3)

Thomasevangelium – Vers 67

Jesus spricht: “Wer alles erkennt – wenn es ihm an einem mangelt, hat es ihm (schon) an allem gemangelt”

Wenn du erkennst, dass du mit der heiligen Einheit Gottes verbunden bist, wirst du nicht mehr unter der Täuschung des Mangels und der Trennung leiden. Die Leiden persönlicher Defizite verschwinden. Wirklich, Glauben an den Tod und die Wiederauferstehung Yeshua Messias und das Wissen um den innewohnenden Christus erleuchtet die Seele und befreit dich von den kosmischen Kräften der Ignoranz und des Todes. Erinnere dich an das Versprechen am Beginn des gnostischen Thomas-Evangeliums: „Wer die Bedeutung dieser Verse erkennt, wird den Tod nicht erfahren.“ Ist dein Glauben durch Verstehen geprägt? Das heisst, hast du wirklichen Glauben? Strebst du nach wahrer Gnosis durch Glauben und die guten Werke des Glaubens? Dann wirst du mit Sicherheit Gnosis erlangen und du bist schon erlöst! Hast du Vertrauen darin, dass Christus in dir wohnt und du von der Gebundenheit an Ignoranz und Tod erlöst wirst? Dann ist jetzt deine Auferstehung und der Beginn des Messianischen Bewusstseins ist nahe! Preise den HERRN!

Nun muss gesagt werden, dass es nicht genug ist, mystische Erfahrungen zu haben. Du musst die Wahrheit und das Licht, die dir in deinen Erfahrungen offenbart werden, in dich integrieren. Lass dich durch die spirituellen Erfahrungen transformieren, und lebe so in Übereinstimmung mit der Wahrheit und dem Licht, die dir in deiner Erfahrung offenbart werden. Um direkte spirituelle Erfahrungen zu haben, musst du die Bedingungen schaffen, in denen ein Wechsel in einen höheren Bewusstseinszustand möglich ist und die göttliche Gnade wirken kann.

Wenn ich nicht regelmässig bete und meditiere und den HERRN, meinen Gott, in Geist und Wahrheit verehre, kann ich tätsächlich nicht erwarten, in höhere Bewusstseinszustände oder prophetische Ebenen des Bewusstseins zu gelangen. Schon gar nicht kann ich erwarten, dass solch eine Erfahrung mich verwandelt, wenn ich sie durch puren Zufall machen sollte. Der Meister spricht hier wieder die Möglichkeit und Notwendigkeit der direkten spirituellen Erfahrung an. Er spricht von den Übungen und von der spirituellen Lebensweise, die diese Erfahrungen hervorbringen.

Zugleich spricht der Meister von etwas, das noch viel feinsinniger und erhabener ist. Er sagt, dass es die göttliche Gnade ist, die alles vollbringt. Dies geschieht aber nur, wenn der Schüler sein egoistisches Selbst zurückhält, sein Verstandeswesen zum schweigen bringt und sein lebendig-emotionales Wesen besänftigt, so dass die göttliche Gnade ohne Behinderung wirken kann. Wenn man auf diese Weise in die heilige Einheit kommt, gibt es niemanden, der unzulänglich ist. Das Christselbst in Einheit mit dem heiligen Vater und dem heiligen Geist tut alles. Im egoistischen Zustand ist alles persönlich, aber im Zustand der Selbst-Transzendenz ist überhaupt nichts persönlich. Wenn man direkt die Erfahrung solcher Selbst-Transzendenz gemacht hat und etwas von dem höheren Bewusstsein verkörpert, kann man sich selbst nicht mehr als getrennt von der heiligen Einheit betrachten. Deshalb kann man auch in keiner Weise unzulänglich sein. Die spirituelle Erfahrung, von der der Meister spricht, ist zutiefst heilend und befreiend.

Lasst mich mit euch das Ideal teilen, das die Eingeweihten unserer Line bei den spirituellen Übungen und beim spirituellen Leben haben. Sie sind der Ansicht, dass das Christselbst in ihnen betet, meditiert und Gott im Geist und in der Wahrheit verehrt, und dass das Christselbst ihr Leben lebt und dabei danach strebt, Gottes Plan zu verwirklichen. In allem, was getan wird, ist der heilige Geist der Handelnde. Der Eingeweihte ist der bewusste Zeuge und das Mittel für diese Handlung der göttlichen Gnade. In diesem Sinne würden die Meister unserer Tradition leidenschaftlich mit dem Heiligen Paulus übereinstimmen, der behauptet, dass die Erlösung im Glauben durch göttliche Gnade erfolgt.

Wenn du mit dieser erleuchteten Sichtweise spirituelle Übungen ausführst, wie könntest du dann glauben, dass eine gute Übungssitzung das Resultat deines eigenen tuns ist, oder eine schlechte Sitzung das Resultat eines persönlichen Mangels? Wenn du diese Sichtweise ebenso im persönlichen Leben anwendest, wo soll dann ein persönlicher Mangel sein? Alles wird für dich eine göttliche Arbeit sein, die getan werden muss. Du wirst den heiligen Geist einfach tun lassen, was er tun muss und dabei vollständig mit ihm kooperieren. Alles ändert sich mit dieser Sichtweise. Das Wesen dieser Veränderung ist tiefgründig. Wenn du weisst, dass du mit dem HERRN gehst und der Geist des HERRN bei dir ist, wird das negative Selbstbewusstsein, das dich einmal plagte, nicht mehr da sein oder wenigstens nicht mehr so stark sein wie früher.

Lass es dir klar gesagt sein, dass es auf dem Weg um Selbst-Transzendenz geht, um den Dienst am anderen Menschen und für Gott, den HERRN. Wer hat Zeit, sich seiner Selbst bewusst zu werden, mitten beim Dienst für andere Menschen und für Gott, den HERRN? Wenn ich mich zu irgendeiner Zeit zu selbstbewusst empfinde, dann bin ich in diesem Moment vielleicht zu selbstzentriert und diene eher mir selbst als dem HERRN in diesem Moment. Ich habe das immer als zutreffend empfunden.

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 209-211)

Verschiedene Übersetzungen des Vers 70 aus dem Thomasevangelium

Da uns bei unserem letzten Treffen verschiedene Übersetzungen dieses Verses geläufig waren, hier die Zusammenstellung einiger. Für weitere Hinweise bin ich sehr dankbar!

Nag Hammadi Deutsch: „Jesus spricht: Wenn ihr jenes in euch erzeugt, (dann) wird das, was ihr habt, euch erretten. Wenn ihr jenes nicht in euch habt, (dann) [wird] das, was ihr nicht in euch habt, euch töten.“

Wieland Willker: Jesus sprach: Wenn ihr dies in euch erworben habt, wird euch das, was ihr habt, retten. Wenn ihr dies nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch sterben lassen.

Roald Zellweger: Jesus sagte: ,,Wenn ihr jenes in euch hervorbringt, wird euch das, was ihr habt, erretten. Wenn ihr jenes nicht in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch töten.„

Konrad Dietzfelbinger: „Jesus sprach: Wenn ihr etwas (Unvergängliches) in euch hervorbringt, wird das, was ihr in euch habt, euch retten. Wenn ihr aber nichts in euch habt, wird das, was ihr nicht in euch habt, euch töten.“

The Nag Hammadi Library: Jesus said, „That which you have will save you if you bring it forth from yourselves. That which you do not have within you [will] kill you if you do not have it within you.“

Jean-Yves Leloup: Yeshua said: When you bring forth that within you, then that will save you. If you do not, than that will kill you.“

„If you bring forth what is within you, what you bring forth will save you. If you do not bring forth what is within you, what you do not bring forth will destroy you.“

Thomasevangelium – Vers 70

Jesus sprach: ,,Wenn ihr das hervorbringt in euch, wird das, was ihr habt, euch retten. Wenn ihr das nicht habt in euch, wird das, was ihr nicht habt in euch, euch töten.„

Höre und nimm in dir auf, was der Meister sagt. Es ist nicht etwas ausserhalb von dir, dass dich retten wird, sondern was in dir ist, wird dich erlösen. Obwohl der Herr, dein Gott, über dir ist und dich umgibt, ist er gleichzeitig in dir. Der Geist des Herren wohnt in dir. Die Gegenwart Gottes ist im innersten Teil deiner Seele. Sie ist dein wahres Selbst. Schau und erkenne deine Seele. Schau noch tiefer in den innersten Teil deiner Seele. Dort wirst du den Heiligen Einen finden, den Geist des Messias, unseren HERRN und Retter.

Was ist das heilige Blut des Lamms, das uns erlöst? Es ist die Essenz des Geistes des Messias, die der perfekte Meister über uns ausgegossen hat. Wer auch immer von diesem Wasser des Lebens trinkt, wird keinen Durst mehr verspüren, den dieses Wasser entspringt dem tiefsten Teil unserer Seele. Es löscht nicht nur den eigenen Durst, sondern auch den anderer Seelen.

Was ist der heilige Körper Christus, von dem wir essen? Es ist die Gegenwart der Seele des Messias, die Yeshua (Jesus) übermittelt hat. Diese heilige Gegenwart kommt von oben, und indem sie herunterkommt, soll sie auch wieder aufsteigen und zurückkehren zu ihrem Platz an der rechten Seite des Vaters und uns in die Ruhe des überirdischen Lichts bringen.

Hast du, wenn du am heilige Abendmahl teilnimmst, etwas erhalten, dass ausserhalb von dir selbst ist? Nicht wirklich. Das heilige Abendmahl ist eine Anrufung und Erinnerung daran, wer und was du in deinem Innersten bist. Es macht dir die göttliche Gegenwart und Kraft des Heiligen Einen deutlich. Es ist ein Training der Seele, ein bewusst machen dessen, was schon in dir ist. Die Handlung des heiligen Abendmahls ist eine Bewusstmachung des Christselbst, so wie jede Form von spiritueller Übung und Lebensform, die wir uns vornehmen. Dadurch ist die heilige Handlung selbst ein Segen. Die Übung des Weges, der Wahrheit und des Lichtes ist die Erleuchtungserfahrung. Die, die das göttliche Leben des Christus leben mit Glauben und Vertrauen auf das Wort des Herren, sind schon befreit. Es geht immer um das Bewusstmachen dessen, das in dir ist und darum, dein Licht scheinen zu lassen, um dich, und die Welt um dich herum zu erleuchten.

Es gibt drei unterschiedliche Aspekte der Seele. Sie sind: Neshamah (die himmlische oder innerste Seele), Ruach (der menschliche Geist oder die Intelligenz) und Nefesh (die lebensnotwendige oder Erdenseele). Wenn ein Mensch aktiv nach der Gerechtigkeit seines oder ihres inneren Selbst lebt, dem Weg Christus folgt und in dem Bewusstsein dessen lebt, was gut ist aus der Sicht des Herren, wird er oder sie natürlich und spontan den Einfluss des Neshamahs erfahren, der spirituellen Natur des himmlischen Seele. Von einem Mensch, der sich auf diese Art heiligt, kann man sagen, dass das, was in ihm ist, nämlich die lebendige Seele oder spirituelle Natur, sie retten wird. Umgekehrt kann man sagen, dass ein Mensch abgeschnitten ist vom Neshamah, wenn er oder sie in Ignoranz und Boshaftigkeit lebt, das gute Bewusstsein nicht beachtet noch dem Weg des Herren folgt. Dann ergreift ein anderer Geist Besitz von diesem Menschen, ein unreiner Geist der Zerstörung und des Todes. Man kann zu Recht von solch einem Kind der Dunkelheit sagen, dass das, was es nicht in sich hat, zu seiner Zerstörung und seinem Tod führen wird.

Neshamah bedeutet wörtlich „lebendige Seele“ oder „lebendiger Atem“. Du wirst dich an die erste Einweihung erinnern, die der auferstandene Messias an seine Anhänger übermittelte bei ihrer Weihe als Apostel Christus. Bei dieser Einweihung hauchte er auf sie und sie empfingen den heiligen Geist und ihr Neshamah vollständig. Erst als sie ihre lebendige Seele erhielten, integrierten und verkörperten, konnten sie die Feuertaufe erhalten. Die Pfingsttaufe ist ein Einströmen überirdischer Heiligkeit, das Herabsteigen der Shekinah, was der wirkliche Beginn des Christbewusstseins ist. Das Erhalten des Neshamahs oder das Herabsteigen der Heiligen Shekinah aus der oberen Welt bilden den heiligen Ritus der Brautkammer oder der Lichtübertragung in der apostolischen Folge.

Nun, all das ist in dir, darauf wartend, bewusst und gelebt zu werden. Wenn du den Geist der Wahrheit lebst, wirst du dein Leben im HERRN besitzen und ewiges Leben im Geiste des HERRN haben. Gesegnet sind die, die das göttliche Leben leben und am Herren festhalten, denn sie sind jetzt lebendig und werden niemals sterben! Preise den HERRN!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 217-219)

Thomasevangelium – Vers 3

Jesus sprach: Wenn die, die euch führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut. (Übersetzung von Wieland Willker)

Malkut, das Königreich des Himmels ist in dir und umgibt dich überall. Wenn du jedoch nicht weisst, dass das Königreich in dir ist, dann wirst du das Königreich ausserhalb von dir nicht sehen. So ist das Wesen der Realität. Sie ist die magische Darstellung des Bewusstseins. Das Innere und das Äussere sind nicht getrennt sondern eng verbunden. Die Realität deiner Erfahrung ist die magische Darstellung deines Bewusstseins. Eine Veränderung im Bewusstsein bewirkt eine dementsprechende Veränderung in der Realität, der wir begegnen. Eine Veränderung in der uns begegnenden Realität ist ein Ausdruck einer Veränderung im Bewusstsein.

In der Welt und im wachen Bewusstsein gibt es viele Mitschöpfer der magischen Darstellung. Es gibt die individuelle und die kollektive Schöpfung dieser magischen Darstellung. Das individuelle, kollektive und universelle Bewusstsein sind vollständig miteinander verbunden und von einander abhängig. Du allein bist nicht der Schöpfer der Realität, die du erlebst. Jedes lebendige Wesen ist ein einzigartiger individueller Ausdruck der Lebenskraft, des Heiligen Einen des Seins, ein Mitschöpfer Gottes. Wenn es eine Veränderung in deinem eigenen Bewusstsein gibt, findet jedoch eine proportionale und dementsprechende Veränderung in der Welt und in der Realität deiner Erfahrung statt. Indem du dich veränderst, veränderst du die Welt, in der du lebst. Willst du die Welt verändern? Du bist die Welt und die Welt ist Du. Wenn Du die Welt verändern willst, verändere zuerst dein eigenes Bewusstsein.

Ob nun der Himmel oder die Hölle oder eine Mischung aus beidem, es ist alles ein Zustand des Geistes und des Bewusstseins. Das Königreich des Himmels ist kein Ort, sondern ein Teil unseres Bewusstseins. Ebenso ist die Hölle eine schwere Einschränkung und Begrenzung unseres Bewusstseins. Es gibt unzählige ineinander verschachtelte Welten und Jenseitswelten: Himmel und Höllen und Räume dazuwischen. Sie alle sind ein Ausdruck des strahlenden Wesens des Bewusstseins und existieren im Bewusstsein.

Es gibt höhere, heiligere Welten als diese. Niemand kann sagen, wie viele. Ebenso kann niemand sicher sein, dass diese Welten oder Bewusstseinsebenen für verschiedene Personen die gleichen sind. Der Himmel kann für einen boshaften Menschen ein Schrecken sein und für einen Heiligen könnte die „Hölle“ die intensivste Freude sein. Man weiss jedoch, dass die Menschen in dieser Welt die meiste Zeit zu beschäftigt sind, um wahrzunehmen, was in und über ihr vorgeht. Sie sind meist zu abgelenkt, um sich selbst zu erkennen und den Wert höherer und heiligerer Welten zu schätzen, die den selben Raum wie unsere Welt einnehmen. Die meisten „normalen“ Leute kennen ihre eigene kreative Kraft nicht und wissen nicht, dass sie die Welt sind und die in ihnen existiert. In ihrer Ignoranz bleiben sie an niedere Götter und Schattenländer gebunden. Sie erkennen die Welt des überirdischen Lichts in ihnen und um sie herum nicht.

So viele Seelen schlafen und träumen fremdartige und unbeständige Träume. Sie schlafen und wissen nicht, dass sie träumen. Deshalb können sie nicht im Traum erwachen und ihn verändern. Für die Erwachten, die Heiligen, ist es ein bedauerlicher, trauriger Anblick. Wenn man die Alpträume betrachtet, die durch Ich-Bezogenheit, Verlangen und Furcht entstehen und all das Leid, dass daraus folgt, so sieht man ein bedauernswertes Bild. Die Erwachten kennen die Welt des überirdischen Lichtes hier und jetzt, aber ebenso wissen sie, wie real das Leiden derjenigen ist, die in Ignoranz leben und schlafen. Es geht nicht um das Thema der persönlichen Errettung. Niemand ist völlig frei bis alle frei sind.

„Aber viele, die jetzt vorn sind, werden dann am Schluss stehen, und viele, die jetzt die Letzten sind, werden schließlich die Ersten sein.“ (Markus 10:31) Die grosse Transformation des zweiten Kommens ist nicht eher vollbracht, als bis die letzte „boshaft“ Person bereut und Gerechtigkeit sucht.

Die Kraft, die uns bindet, ist die Kraft, die uns befreit. Die selbe Bewusstseinskraft kann sich als der Widersacher oder der Messias, als Himmel oder Hölle manifestieren. Erleuchtung und Nicht-Erleuchtet-Sein sind Ausdruck der selben Bewusstseinskraft, der einen Lebenskraft. Es gibt einen göttlichen Geist, aber zwei Wege. Die Welt steht am Grenzbereich beider Wege. Sie kann in jedem Moment in eine der beiden Richtungen pendeln – zum Himmel oder zur Hölle – jedoch ist die Rettung, das zweite Kommen immer nahe, so nah wie dein Atem und dein Herzschlag, so nah wie das Wesen deines Bewusstseins.

Nun höre das Wort des Herren und nimm es auf. Du hast die freie Wahl! Es kann der Himmel sein oder die Hölle. Jeder muss eine Wahl treffen. In dir sind die Kräfte zur Rettung oder Vernichtung, des Lichtes und der Dunkelheit. Wenn du schliesslich durchsichtig bist, gibt es nur noch Licht und Leben. Das ist die Gewissheit der Errettung in unserem Herrn. Jedoch ist, bis die Rettung erlangt ist, das Leiden der Vernichtung nur zu real. Du musst in jedem Moment wählen. Du musst die schöpferische Kraft in dir kennen und in der Erinnerung an den Geist der Wahrheit leben.

Was soll erreicht werden? Das du dich als Teil der heiligen Einheit, die Gott ist, erkennst und erlebst. Du warst immer Teil dieser heiligen Einheit, des heiligen Einen des Seins, bist es und wirst es immer sein. Nie warst du vom heiligen Einen getrennt. Einheit mit Gott ist nicht wirklich eine Errungenschaft, sie ist eine gegenwärtige Realität und Wahrheit. Du brauchst dich nur an den Geist der Wahrheit zu erinnern. Du brauchst nur aufzuwachen und mit dieser Aufmerksamkeit zu leben. Es ist nicht etwas, das dir fehlt, sondern wer und was du wirklich bist, ein Sohn oder eine Tochter des lebendigen Gottes – das Kind des Lichtes, das Bewusstseinslicht selbst.

Wer ist verloren und muss gefunden werden? Ich sage dir, niemand ist verloren und muss gefunden werden. Der Verlorene hat niemals existiert, und der, der gefunden werden muss, wurde nie geboren. Du bist, was du suchst, der ungeborenen Geist.

Das ist die gute Nachricht! Malkut, das Königreich, ist in dir und überall um dich. Ewiges Leben ist die Wahrheit deines innersten Seins. Den Tod hat es nie gegeben. Du bist frei!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 8-10)