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Ursprüngliche Meditation

Es gibt viele verschiedene Zustände der Meditation, die alle verschiedene Ebenen von Kavvanah = Konzentration und Devekut = Hingabe widerspiegeln. Auf einer grundlegenden Ebene aber ist Meditation ein Zustand der Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, in dem man sich völlig dessen bewußt ist, was im eigenen Bewußtsein und der Umgebung vor sich geht. Im Grunde ist Meditation ein Zustand, in dem man völlig wachsam und gleichzeitig völlig entspannt ist sowie eine friedliche Geräumigkeit erfährt.

In der Sophia-Tradition ist die Übung der Aufmerksamkeit nicht auf formale Sitzungen von Meditationsübungen im Sitzen begrenzt, sondern sie ist in die täglichen Aktivitäten integriert. Ebenso wie spirituelle Übungen in formalen Sitzungen, die man typischerweise mit Gebet, Meditation und heiligem Ritual in Verbindung bringt, versucht der Sophia-Gnostiker Aufmerksamkeit während des ganzen Tages zu kultivieren. Letztlich sucht er eine nahtlose Vereinigung zwischen spiritueller Übung und täglichem Leben. Dies führt zur Entwicklung höherer Bewußtseinszustände und wirklicher Selbsterkenntnis. Jede Aktivität kann eine Übung der Aufmerksamkeit sein. Verbunden mit der ursprünglichen Meditation wird die Güte in einem natürlicherweise hervorscheinen.

In unserem alltäglichen Zustand neigt unser Bewußtsein zur Zersplitterung und der Geist wird zertreut. Ebenso ist unsere Verlangensenergie unkoordiniert und infolgedessen ist unsere Manifestierungsenergie stark begrenzt. Die Übung der Aufmerksamkeit bringt die Fragmente des Bewußtseins natürlicherweise zusammen in einem integrierten Ganzen und führt zu einem Zustand der gerichteten Aufmerksamkeit, der uns erlaubt, unsere Verlangensenergie bewußt zu lenken. Dies führt zu einer Erfahrung größeren Friedens und größerer Freude, macht uns effektiver bei allem, was wir tun, bringt einen Zustand der Klarheit und ermächtigt uns, unsere Verlangensenergie bewußt zu lenken als Manifestierungskraft. Somit unterstützt sie unser Wohlergehen, unseren Erfolg, unsere Gesundheit und unser Glück.

Allgemein gesprochen neigen wir dazu, uns mit verschiedenen Stimmungen und Gemütszuständen, die in unserem Bewußtsein auftauchen, zu identifizieren. Wir klammern uns an Fragmente unseres Bewußtseins und denken “das bin ich” oder “so bin ich”. Durch die Übung der Aufmerksamkeit und durch die ursprüngliche Meditation jedoch lernen wir, eine geräumigere und panoramaartige Sicht zu kultivieren. Dadurch, dass wir die einzelnen Teile loslassen, werden wir uns des Ganzen bewußt. Somit werden wir uns des Lichts und der Dunkelheit in uns bewußt und erkennen, dass wir das Licht und die Dunkelheit transzendieren in der heiligen Einheit unseres wahren Wesens. Im Grunde werden wir authentische Einzelwesen und erfahren Tikkun, Heilung, unseres Seelenwesens.

Wenn du Zeiten untersuchst, in denen du schlecht gehandelt hast und anderen Leid zugefügt hast, wirst du entdecken, dass du nicht als du selbst gehandelt hast, sondern von Negativität getrieben wurdest, einer Neigung zur Gewalt und zu stürmischen Emotionen. Im Grunde hast du dich in solchen Momenten mit den Stimmungen und Gemütszuständen deines Oberflächenbewußtseins indentifiziert. Du hast die Verbindung zum tieferen Teil deines Selbst verloren, deiner angeborenen Güte. Durch die Übung der Aufmerksamkeit und die ursprüngliche Meditation lernen wir Negativität, Agression und aufgewühlte Emotionen zu zertreuen. Anstatt uns mit ihnen zu identifizieren, sie zu unterdrücken oder ihnen nachzugeben, lernen wir, sie in das Licht der Aufmerksamkeit zu bringen mit Akzeptanz, Großzügigkeit und Güte. So befreien wir die in ihnen gebundene Energie. Das erhebt unser Bewußtsein natürlicherweise und gibt uns mehr Energie zum Leben. Im Grunde wachen wir auf und werden lebendig.

Wenn man die ursprüngliche Meditation übt und sich dem Geist gegenüber öffnet, erfährt man allmählich größere Freiheit von Negativität und inneren Konflikten sowie Ganzheit und Wohlbefinden. Man fühlt sich wohl in seiner eigenen Haut.

Ursprüngliche Meditation mit dem Atem

Diese Methode ist die älteste und findet sich in vielen esoterischen Schulen. Im Grunde erlaubst du deinem Körper, seinen eigenen natürlichen Atemrhythmus zu finden und lässt deine Aufmerksamkeit behutsam auf dem Atem ruhen. Dabei verwendest du das Atmen als Mittel der Präsenz und Aufmerksamkeit.

Als Gott die Menschen geformt hatte, atmete er, Genesis zufolge, die lebendige Seele in den ersten Menschen, der Mann und Frau zugleich war. Alle Wörter für die Teile der Seele in der Kabbala bedeuten “Luft”, “Wind” oder “Atem”, mit Ausnahme von Yechida, was “göttlicher Funke” bedeutet. Somit gibt es eine sehr enge Verbindung zwischen dem Atem und der Kraft unserer Seele. In fortgeschrittenen Übungen entdecken Eingeweihte einen Strahlenden Heiligen Atem in und hinter dem alltäglichen Atem und eine Reihe von Lichtatem, die den Feinkörper unseres Bewußtseins versorgen. Ruach, ein Wort für den prinzipiellen Aspekt unserer Seele in unserer Erfahrung und ebenso ein Wort für den Geist Gottes, den Heiligen Geist, bedeutet wörtlich “Atem”. In Verbindung mit diesen Vorstellungen wirst du dich vielleicht an die Lichtübertragung durch den auferstandenen Christus auf seine Jünger erinnern, über die geschrieben steht: “Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.” (Johannes-Evangelium 20:22-23)

In unserem Atem ist Kraft und durch ihn sind wir verbunden mit allem, was lebt und mit dem Geist Gottes. In vielen christlich-gnostischen Übungen wird der Atem das Mittel der Licht-Präsenz und der direkte Ausdruck der Kraft unserer überirdischen Seele. Somit kann die ursprüngliche Meditation mit dem Atem als unserem Fokus die Erleuchtungserfahrung unterstützen und die Kraft der Lichtseele in uns aktivieren, und damit seelische und spirituelle Gaben.

Wenn du diese Methode bei der Meditation verwendest, atme natürlich und gleichmäßig ein und aus, so wie du es gewöhnlich tust. Fokussiere deine Aufmerksamkeit sehr behutsam auf die Ausatmung. Wenn du ausatmest, fließe heraus mit dem Atem. Jedesmal, wenn du einatmest, lasse alles los und lasse alles ruhen. Stelle dir vor, dass dein Atem sich am Ende des Ausatmens in die unendliche Geräumigkeit der Wahrheit auflöst. Am Ende jeder Ausatmung, vor dem nächsten Einatmen, wirst du eine Lücke finden. Lasse los und geh in diese Lücke hinein, denn in der Lücke ist der Ort des reinen und uranfänglichen Seins. Er wird vollkommene Ruhe genannt.

Was auch immer für Gedanken und Emotionen aufsteigen, klammere dich nicht an sie, aber verdränge sie auch nicht. Lass sie einfach in Ruhe, lass sie natürlich aufsteigen und dahingehen, ohne etwas mit ihnen zu tun oder ein Urteil zu fällen. Wenn du bemerkst, dass du abgelenkt bist oder dich mit aufsteigenden Gedanken und Emotionen identifiziert hast, oder dich beim tagträumen wiederfindest, führe deine Aufmerksamkeit einfach wieder zum Atem zurück und mache weiter. Wenn der Geist in die Lücke eintritt und der natürliche Zustand dämmert, höre auf mit der Übung und bleibe nur in der Stille. Wenn der Geist oder das Herz sich regt, kehre zurück zur Übung. So einfach ist es.

Fokussiere dich nicht zu sehr auf den Atem, sondern nur leicht. Richte prinzipiell nur ein Viertel deiner Aufmerksamkeit auf den Atem, und lass die anderen drei Viertel ungebunden in einem stillen und geräumigen Zustand entspannter Aufmerksamkeit. In diesem Zustand ist man sich im wesentlichen seiner selbst bewußt und der Dinge, die im eigenen Bewußtsein und der Umgebung geschehen.

Statt den Atem zu beobachten, als wäre man von ihm getrennt, erlaube dir mehr und mehr, dich mit deinem Atem zu identifizieren, als würdest du zu deinem Atem werden. Atme, und lass den Atem und den, der atmet, allmählich miteinander verschmelzen auf natürliche Weise ohne unnötige Kraft.

Bei dieser Übung wirst du bemerken, dass die Präsenz der Aufmerksamkeit wächst. Du wirst erfahen, dass der Geist stiller und stiller wird und das vital-emotionale Wesen sich mehr und mehr beruhigt. Es ist, als würde man die Schlangenhaut abstreifen und ein Körper aus klarem oder transparentem Licht werden. In dieser Weise wird man befreit!

(Übersetzt von der Website der Ecclesia Pistis Sophia)

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