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Einführung in die Sophia-Gnostik (1)

Die Sophia-Gnostik ist eine spirituelle Tradition, die die mystischen und magischen Elemente des Christentums wiederherstellt, ja noch mehr, sie ist ein Weg bewußter spiritueller Entwicklung, wie sie Yeshua Messia selbst verkörperte.

Was ist nun Gnosis?

“Gnosis” ist das griechische Wort für “Wissen” genauso wie das hebräische Wort Da’at, das ebenfalls “Wissen” bedeutet. Unter Gnostikern hat das Wort “Wissen” jedoch nicht die gleiche Bedeutung, die ihm im allgemeinen in unserer modernen Sprache gegeben wird: etwas Intellektuelles oder ausschließlich mit dem Verstand assoziiertes; noch beschreibt es das Sammeln von Informationen aus äußeren Quellen. Für einen Gnostiker bedeutet Gnosis ein spirituelles und intuitives Wissen, das er aus seinem inneren Selbst und durch seine eigene mystische Erfahrung erlangt. Es ist ein Wissen, gewonnen durch eine ganzheitliche Intelligenz des Herzens und der Seele , des Geistes und des Körpers – ein “direktes Wissen”. Im engeren Sinne ist Gnosis ein Zustand göttlicher Erleuchtung und kennzeichnet einen höheren Bewußtseinszustand. Im weitesten Sinne ist Gnostik eine Sammlung von Lehren, die in der Gnosis begründet sind, oder ein spiritueller Weg, der zur Gnosis führt und ein Gnostiker ist eine Person, die Gnosis selbst erlangt hat.

(Übersetzt aus: Tau Malachi: Living Gnosis. – Llewellyn, 2005)

Allgemeiner Überblick

Die Lehren der Sophia-Gnostik ermöglichen Gnosis, also die direkte Erfahrung Gottes. Dabei werden die heiligen Schriften verwendet, sowohl die gnostischen Evangelien als auch die Bibel und die Kabbala als mystische und magische Schrift. Der Umgang mit den Schriften unterscheidet sich deutlich von deren Verwendung in den christlichen Kirchen. Man versucht die Schriften durch die Inspiration des Geistes im Moment zu verstehen, um etwas von ihren tieferen und mystischen Bedeutungen zu erfahren. In Wirklichkeit haben die heiligen Schriften viele Bedeutungsebenen, von der oberflächlichen und wörtlichen Bedeutung zur metaphorischen Ebene und noch tiefer auf der geheimen und mystischen Ebene. Auf jeder Ebene gibt es viele verschiedene spirituelle Lehren, die aus jedem Vers der heiligen Schriften gezogen werden können, abhängig von der Inspiration des Geistes im jeweiligen Moment und der eigenen Fähigkeit, diese Lehren anzunehmen. Jeder Vers ist wie das lebendige Wasser von dem Yeshua sprach. Im gnostische Evangelium des Thomas sagt Jesus: „Wer von meinem Munde trinkt, wird werden wie ich, und ich selbst werde er werden und das Verborgene wird sich ihm offenbaren.“ [Vers 108]

Gnosis und christlicher Glauben

Hier kommen wir zu einem zentralen Punkt an dem sich das gnostische Christentum von äußeren und orthodoxen Formen des Christentums unterscheidet. Wo es einen Glauben an Christus gibt als etwas, das von außerhalb einem selbst kommt, also eine Religion des Glaubens an Chritus durch feste und statische Interpretationen der Schriften, werden Dogmen und Gebote geschaffen.Dort, wo es aber einen Glauben an Christus gibt als etwas, das in einem Selbst ist, in einem und trotzdem immer darüber hinaus geht, Geschöpf und Schöpfung, entsteht eine Spiritualität der Gnosis. Für jemanden, der an Christus als etwas in sich selbst glaubt, als die Wahrheit der Seele, als göttliche, unsterblichen Kern des Selbst, für denjenigen ist Christus etwas, das man selbst erfahren muß, erkennen muß. Für denjenigen ist Christus etwas, das man in sich selbst und außerhalb von einem selbst in der gesamten Schöpfung wahrnehmen muß.

Diese Wahrnehmung kann erlernt werden. Sie ein Prozeß bewußter Entwicklung der erreicht werden kann durch meditative Übungen, das Studium der Schriften und verschiedene magische und schamanische Rituale. Dabei ist es jedem selbst überlassen wie weit er diesen Weg gehen möchte und in welcher Geschwindigkeit. Eine spirituelle Gruppe ist durch ihre gemeinsame Arbeit für diese Entwicklung eine wesentliche Stütze.

Glauben in der Sophia-Gnostik

Der Glauben in der Sophia-Gnostik ist kein blinder Glauben an äußere Glaubenssätze. Er bedeutet eher: „einen Sinn zu haben für das Geheimnis“ oder „eine Intuition für eine Erfahrung, die man noch nicht hatte“. Er ist eher wie ein Licht, das uns zu einem Geheimnis oder zu einer Erfahrung führt, also zur Gnosis führt. Durch die Erfahrung der Wahrheit schreitet man auf dem spirituellen Weg voran.

Sophia-Gnostik und Tradition

Vielleicht versteht ihr aus dem bisher gesagten, dass Tradition eine andere Bedeutung für einen christlich-gnostische Mystiker hat als für sein orthodoxes Gegenüber. Gnostische Tradition bietet eine Kosmologie, durch die der Eingeweihte Wissen sammeln kann auf dem Wege direkter und mystischer Erfahrung. Auf der einen Seite ist die Tradition eine Sprache, die etwas von der Gnosis kommuniziert, die frühere Generationen erreicht haben, sie ist sozusagen wie ein Finger, der auf den Mond zeigt. Auf der anderen Seite bietet die Tradition Methoden für spiritueller Übungen und das spirituelle Leben, durch die man für sich selbst Gnosis erreichen kann. Sie bietet ebenso einen Kontext, in den man seine eigenen Erfahrungen einordnen kann. Sie ist kwin fixiertes oder statisches Dogma. Eher ist sie ein Werkzeug für die Übertragung einer lebendigen göttlichen Ausstrahlung und Kraft. Die Tradition selbst ist lebendig, immer wachsend und sich verändernd, da jede Generation gnostischer Eingeweihter seine eigene Gnosis einbringt in den Strom der Lichtübertragung. Gnostische Tradition ist im Grunde genommen immer im Fluß, sie steht nicht still, wie alles andere im Leben auch.

Sophia-Gnostik ist eine individuelle spirituelle und mystische Erfahrung

Obwohl Eingeweihte der selben Tradition vieles gemeinsam haben können, wenn es um Ansichten und Glauben geht und sie die gleiche mystische und symbolische Sprache teilen, ist es nichts ungewöhnliches sehr unterschiedliche Ansichten und Glaubenseinstellungen zu finden. Warum ist das so? Weil die Betonung auf der individuellen spirituellen und mystischen Erfahrung liegt, auf dem Prozeß der Befreiung und Erleuchtung. Es gibt dabei keine zwei Personen, die genau die gleiche Erfahrung machen, da jede Person einzigartig ist. Jeder Einzelne tritt in die Erfahrung der Gnosis aus einem anderen Blickwinkel ein.

„Komm und sieh …, folge mir …, das sind die Begriffe, die Yeshua selbst verwendet haben soll. Beide legen ein Wissen durch direkte spirituelle Erfahrung nahe. Genau diese Worte wird ein gnostischer Lehrer an seine Schüler adressieren. Gnostische Lehrer vieler Traditionen neigen dazu, sich stärker auf eine mündliche als eine schriftliche Tradition und auf das gemeinsame Erfahren zu verlassen, das nur in einer persönlichen Kommunikation entstehen kann. Selbst wenn eine schriftliche Tradition existiert ist sie im Allgemeinen mit einer viel größeren mündlichen Tradition verbunden. Um die Lehren und Einweihungen vollständig zu erhalten muß man einen Eingeweihten oder Meister (Tau) zum spirituellen Freund haben.

Tau Malachi, der derzeitige Tau und Bischof der Sophia-Gnostischen Tradition, beschreibt den Beginn seines spirituellen Weges so: In meiner Jugend befreundete ich mich mit einem älteren Herrn, der ein Tau (Meister) einer lebendigen gnostische Tradition war, die er und der Kreis der Eingeweihten um in herum die Sophia-Tradition nannten auf Grund der zentralen Rolle, die die heilige Maria Magdalena darin hat. Durch ihn und seine spirituellen Kameraden kam ich in Kontakt mit einem esotherischen Orden – einer Linie mystischer und gnostischer Christen. Dieser angenehme ältere Herr, den alle entweder „den alten Mann“ oder „Tau Elijah“ nannten, nahm mich als spirituellen Kameraden auf. Durch individuelle Gespräche, Gruppendiskussionen, Instruktionen zu Methoden des mystischen Gebets, prophetische Meditationen, Einweihungsrituale und ähnliches gab er die Lehren der Tradition an mich weiter.

Obwohl in klassischen Quellenwerken nachgeschlagen wurde, sie studiert und viele Lehren daraus gezogen wurden, gab es keine schriftliche Tradition der Sophia-Gnostik – es war eine komplett mündliche Tradition. Ich studierte 8 Jahre lang bei Tau Elijah bis zu seinem Tod 1978. Bevor er starb, segnete er mich als seinen Nachfolger. Nach seinem Tode und in Zusammenhang mit meinem Umzug gingen alle seine Kameraden getrennte Wege und es entstanden neue Zirkel. So setzte sich die Linie dieses heiligen Ordens in einer neuen Generation fort, und der Kreis aus dem sie geboren wurde, verschwand.

(Übersetzt und zusammengestellt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn. – Einführung S. VII-XVI)

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