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Thomasevangelium – Vers 18

Thomasevangelium – Vers 18

“Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, in welcher Weise unser Ende sein wird! Jesus sagte: Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, daß ihr nach dem Ende fragt? An dem Ort, wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein. Selig ist, wer am Anfang stehen wird. Und er wird auch das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken.” (Übersetzung von Roald Zellweger)

Was ist der „Anfang“, in dem du das Ende finden wirst? Sicherlich ist es die Absicht Gottes in der Schöpfung, denn der Beginn der Schöpfung ist der heilige Gedanke oder die heilige Absicht, aus der alles hervorgeht in Übereinstimmung mit dem Wort und der Weisheit des höchsten Gottes. Um das Ende oder die Erfüllung der Schöpfung zu verstehen, musst du deshalb den Anfang begreifen, nämlich den Willen Gottes in der Schöpfung und den Willen Gottes in deiner Seele. Denn es ist dieser göttliche Wille, der letztlich dein Ende sein wird.

Nun sagen uns unsere Lehrer, dass die heilige Absicht Gottes in der Schöpfung die Offenbarung des göttlichen Menschen war und ist, dass die gesamte Schöpfung das Ziel hat, die Seele des Messias zu offenbaren. Der erste heilige Gedanke Gottes ist des Bild von Godselbst in der Form Adam Kadmons, des uranfänglichen Menschen. Aus diesem heiligen Gedanken und Bild wurde Adam Ha-Rishon, der erste Mensch, geschaffen. Da das Erste auch das Letzte ist, ist das „Ende“ der offenbarte göttliche Mensch nach dem Bild des Herrn in bewußter Einheit mit Gott, also spirituell erwacht.

Es gibt die Involution (Rückbildung) im Prozess der Schöpfung, wenn sie für die Evolution notwendig ist, Involution, die in Stufen verläuft und dadurch Evolution, die ebenso in Stufen verläuft. Am Anfang ist der erste Mensch sich der heiligen Einheit mit Gott nicht bewußt und muss deshalb „in Ungnade fallen“, oder einbezogen werden in den Prozess der Schöpfung, um bewusst Individualität und Selbsterkenntnis zu entwickeln und eine bewusste Einheit mit Gott zu verwirklichen; folglich zu erwachen aus dem uranfänglichen Schlaf oder der Unbewusstheit. So ist die Schöpfung, die ihre Quelle und ihren Anfang in Gott hat, der fortschreitende Selbstausdruck und die Verwirklichung des unendlichen und ewigen Potentials Gottes, des göttlichen Potentials, das unerschöpflich ist. Obwohl wir vom Erwachen als vom Ende sprechen mögen, ist das göttliche Potential in Wahrheit unerschöpflich und grenzenlos (Ain Sof) und es ist kein Ende in Sicht. Es gibt ganz einfach kein Ende der schöpferischen Evolution. Deshalb wirst du, wenn du den Anfang suchst, eigentlich keinen Anfang finden.

In Wahrheit ist die Schöpfung eine ununterbrochene Folge des Werdens ohne Anfang, dessen Quelle und Grundlage der Eine-ohne-Ende, der heilige Eine des Seins ist. Dieses ist die Beschaffenheit des Wirklichkeits-Wahrheits-Kontinuums, es ist ohne Anfang oder Ende. Es ist diese Gnosis (Erkenntnis), die den heiligen Orden Melchizedeks ausmacht. Von den Eingeweihten diese Ordens wird gesagt, das sie ohne Abstammung sind, das sie keinen Beginn ihrer Tage noch ein Ende ihres Lebens haben, sondern dass sie in bewusster Einheit mit dem höchsten Gott als Priesterkönige für immer bleiben. Damit enthält dieser Vers den geheimen Eingang in den heiligen Orden des Melchizedek, indem er auf den Hauptschlüssel zu den Geheimnissen hinweist, den die Eingeweihten dieses Ordens besitzen.

Der Meister spricht von dem innersten geheimen Schlüssel zu den Mysterien. Dieser Schlüssel widerspiegelt sich im Wissen, das der Autor des Briefes an die Hebräer hat. Es ist ein Brief, der nicht an die äußere Versammlung der Auserwählten sondern an die innere Versammlung geschrieben wurde, so dass, nachden sie bereits in das Heiligtum des Rosenkreuzes eingetreten waren, sie auch in die innerste geheime Versammlung des dreifachen Ordens des Melchizedek eintreten konnten. Im Zusammenhang mit unserem Vers bietet der Brief an die Hebräer eine gute Quelle zur Kontemplation.

Verstehe den Beginn als die Absicht Gottes in der Schöpfung. Seinen Platz im Anfang einzunehmen bedeutet nicht nur die Erlangung der Selbsterkenntnis, sondern es bedeutet auch, als bewusster Vermittler des Willens Gottes an die Menschheit und auf der Erde zu handeln. Jemand, der eintritt in die Erkenntnis des Christ-Selbst wie Yeshua Messia, wird eine Verkörperung des lebendigen Wortes und ein bewusster Mit-Schöpfer Gottes. Aus diesem Grunde informiert uns der Meister, dass wir potentiell grössere Dinge vollbringen werden, als die Dinge, die wir ihn haben vollbringen sehen. Der heilige Geist wird sich in jeder Seele, die zu Christus erwacht, auf einzigartige Weise offenbaren, und jede dieser Seelen wird viel mehr erreichen als schon vollbracht ist. Es ist noch immer die Wiederauferstehung der Welt zu vollbringen, und der Geist der Wahrheit in der apostolischen Folge arbeitet auf dieses noch nicht erreichte Ziel hin. Obwohl dies eine Lehre ist zum Eintreten in die perfekte Ruhe und in die Brautkammer, ist es auch ein Ruf nach erleuchtetem Handeln.

Nun sprechen gnostische Meister vom Anfang noch in einer anderen Weise. Sie sagen, dass der Anfang das helle Licht ist, das die Beschaffenheit unseres Bewußtseins und Seins ist, der wahre Kern und die wahre Gegenwart Gottes im innersten Teil unserer Seele. Genesis lesend, hören wir von der ersten Äußerung Gottes durch das heilige Wort: Es werde Licht! Dieses Licht kommt vor allem Anderen, sogar vor Sonne, Mond, Planeten und Sternen. Es ist nicht irgendein bekanntes Licht, sondern ein verstecktes und durchsichtiges Licht, das heilige Licht, wie es war vor dem Punkt des Beginns. Dieses überirdische Licht ist in Wirklichkeit der Geist des Messias. Aus diesem Licht, sagt uns der Prophet, formte der Herr das Licht und erschuf die Dunkelheit. „Formen“ bedeutet, das diese Licht offenbart wurde, aber nicht erschaffen. Demnach ist dieses Licht ohne Anfang und ohne Ende. Wirklich, es ist der Geist der nicht geboren wird und nicht stirbt, es ist der Geist des Messias.

Dieses Licht ist das Licht der Bewußtheit. Es ist reine, ursprüngliche, uranfängliche Bewußtheit, die das Wesen allen Bewußtseins ist, der innerste Kern unseres Bewußtseins oder unserer Seele auf jeder Ebene, sogar auf der unwissenden und alltäglichen Ebene des Bewußtseins. Dieses Wesen des Bewußtseins als durchsichtiges Licht zu begreifen, bedeutet Erleuchtung und Befreiung zu erreichen, Befreiung von der Gefangenschaft des Unwissens und des Todes. Der Tod ist der Teufel der Vergesslichkeit, der die Kontinuität der bewussten Existenz unterbricht. Wenn du dich an dein Christ-Selbst erinnerst wirst du erwachen und nicht wieder vergessen.

Zum Schluß will ich dir ein offenes Geheimnis verraten: Das, was dich in der Gefangenschaft hält, ist das, was dich befreien wird!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 58-60)

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Thomasevangelium – Vers 2

„Jesus sprach: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird König sein über das All.“

Jesus said, „Let him who seeks continue seeking until he finds, When he finds he will become troubled. When he becomes troubled, he will be astonished, and he will rule over the all.“ (Übersetzung von Tau Malachi)

Um den Geist der Wahrheit zu finden, musst du suchen, bis du erkennst, dass der Geist dir innewohnt und bis du die Wahrheit durch deine eigene Erfahrung erkennst. Es genügt nicht, dass eine andere Person die Wahrheit entdeckt hat. Jeder muss selbst nach der Wahrheit suchen und streben, wenn er seine Seele befreien und erwecken will zur bewußten Einheit mit Gott.

Dieses Streben ist die Suche nach dem heiligen Gral, der nicht ein physisches Relikt oder eine heiliger Pokal, nicht etwas außerhalb von einem selbst ist. Der heilige Gral ist viel eher das gereinigte und geweihte Herz, Seele, Geist und Leben; er ist man selbst, wenn man offen und empfindsam ist für den Christus-Geist, so dass man sein Leben wie Christus führt. Der Gral ist das Herz, in dem der Herr wohnt, der Mensch, der die uns innewohnende Geistverbindung entdeckt hat und im inneren lebendig ist. Er ist das Christ-Selbst, der Logos und die Sophia Gottes, das innere und höhere Selbst, dass unser geheimes Zentrum und unsere heilige Wurzel ist.

Nun sind das nur Worte, Konzepte im Geist. Es ist der Charakter dieser heiligen Suche, das man eine Vokabel, einen Namen oder ein Konzept hat, für das, was man sucht, eine Vorstellung, was es sein kann, wie und wo es gefunden werden kann. Aber in Wirklichkeit weiss man nicht, wonach man sucht, wie, wo und wann man es finden kann. Welche Vorstellung man auch immer haben mag, sie ist wahrscheinlich eher ein Hindernis oder eine Blockierung beim finden dessen, was du suchst, eher irreführend als hilfreich.

Wenn die Suche auf vorgefasste Meinungen, Vorbedingungen und Erwartungen gegründet ist, auf wer und was du denkst zu sein, dann wird die Suche selbst zur Behinderung und du kannst nicht entdecken, was du suchst. Wenn du nach etwas suchst, das nicht existiert, oder auf eine Art und an einem Platz, wo es nicht zu finden ist, wirst du es tatsächlich nicht entdecken.

Von vornherein musst du verstehen, dass das Wesen Gottes sehr verschieden von allem ist, das du dir vielleicht vorstellst und das du selbst nicht bist, was du vielleicht denkst zu sein. Was immer deine vorgefassten Meinungen, Vorbedingungen und Erwartungen sein mögen, das zusammenhängende Ganze der Wirklichkeit und Wahrheit Gottes ist noch mehr und kann nicht vom gradlinig denkenden Verstand oder dem dualistischen Bewußtsein erfasst und verstanden werden. Gott wird immer ein Geheimnis sein, der Namenlose und Unbekannte. Gott ist vollkommen anders als man denken mag. Dieses zu entdecken ist beunruhigend und erschüttert einen im Innersten!

Dem HERREN nahe zu kommen ist zutiefst beunruhigend, denn ich muss NICHTS werden, LEER von mir selbst, so das der HERR eintreten und der heilige Geist mich erfüllen kann. Gott ist NICHTS (Ain) und ich muß nichts werden, um mich mit dem HEILIGEN EINEN DES LEBENS zu vereinen.

Wenn du glaubst, etwas zu sein, eine dauerhafte und unabhängige Eigenexistenz zu haben, eine feste und feststehende Person zu sein, ist es sehr beunruhigend zu entdecken, dass dein geheimes Inneres NICHTS ist, dass du LEER bist von einer dauerhaften und unabhängigen Eigenexistenz. Wenn du das jedoch entdeckst, wirst du begreifen, dass es das Wesen von allem Existierenden ist. Du entdeckst, dass alles unbeständig ist, dass sich alles verändert. Die Realität ist LEER von jeder dauerhaften und unabhängigen Eigenexistenz. Es gibt nur den HEILIGEN EINEN DES LEBENS, den EINEN-OHNE-ENDE (Ain Sof). Doch in dieser Gnosis erlangt der Prophet oder Apostel Gottes die Herrschaft über das Universum, den alles ist die magische Darstellung des göttlichen Geistes, der Seele Christus.

Es gibt noch eine andere Art von Beunruhigung, die mit dem dämmern höheren Bewußtseins, wenn man dem HERRN näher kommt, eintreten kann. In der heiligen Einheit, die Gott darstellt, begegnest du uneingeschränkter und höchster Vollkommenheit, der uranfänglichen LEERE, die gleichzeitig die göttliche Fülle ist. Vor der Vollkommenkeit des HERRN ist deine eigene Unvollkommenkeit ein greller und krasser Kontrast, eine zutiefst beunruhigende und wirklich schmerzliche Sache. Indem du dem HERREN näher kommst, entdeckst du, wie weit du von Gott entfernt bist. Das ist die Ursache für die dunkle Nacht der Seele, von der die Mystiker auf ihrer Reise sprechen.

Jeder der sucht muss gewillt sein, die Beunruhigung zu ertragen, die mit dem Finden kommt, gewillt sein, die dunkle Nacht der Seele auszuhalten und die Prüfung der Einweihung. Der mystischer Tod geht der Auferstehung voraus; das Herabsteigen in die Tiefe geht jedem Aufstieg voraus. Der lebendige Yeshua hat den Weg vor uns geöffnet und ihn uns gezeigt. Auch wir müssen sterben und wiedergeboren werden, herabsteigen in die Tiefe und aufsteigen; wir müssen gewillt sein, täglich unser Kreuz auf uns zu nehmen und dem Christ-Selbst in uns zu folgen. Nur auf diese Weise können wir Erlösung erlangen.

Das ist keine neue Erkenntnis. Das Leben lehrt diese Lektion. Die Geburt selbst ist beunruhigend und schmerzhaft, und doch kommt durch sie die große Freude des Leben. So ist es mit allem im Leben. Der Schmerz ist Teil des Vergnügens, die Trauer Teil der Freude. Der Tod ist ein Teil des Lebens. Man kann das Eine nicht ohne das Andere haben. Alles ist miteinander verbunden und voneinander abhängig; das ist das Wesen der Dinge, die immer-werden. Du mußt lernen, das ganze Leben und dein ganzes Selbst zu akzeptieren und zu umschließen, wenn du den Geist der Wahrheit entdecken möchtest. Das Licht und die Dunkelheit müssen verbunden werden, und du mußt die heilige Einheit erkennen.

Nun sage ich dir, wenn du suchst, wird das, was du findest, beunruhigend sein, den du wirst entdecken, dass all die Gewohnheiten der Sterblichen und ihr Prunk eitel und zwecklos sind, bloße Eitelkeit unter der Sonne. Nahezu alles, was die unerleuchtete (unaufgeklärte) Gesellschaft innig schätzt, ist letzten Endes bedeutungslos, und was wir selbst schätzen und für sehr wichtig halten, ist ganz und gar nicht wichtig. Es ist alles beliebig. Alles ist Staub im Wind mit dem Vergehen der Zeit. Was wird all das in der Stunde der Abrechnung, im Moment des Todes bedeuten? Die Welt wird nichts sein und du wirst nichts sein. Was wird sein, wenn du das Christ-Selbst in dieser Stunde nicht als dein innerstes Selbst kennst? Was wird aus dir werden?

Ich sage dir rundheraus, die äußere Person, die ich bin, ist nichts. Dieser Name und diese Gestalt sind ein vorübergehender Zustand, der von sich aus gar nichts bedeutet. Wenn ich nicht die innere Person, das Seelen-Wesen und Christ-Selbst in mir kenne, ist die äußere Person nur Eitelkeit unter der Sonne. Zu lieben, Wissen zu sammeln und die Menschheit zu Gott zu erheben ist der Zweck und die Bedeutung des Lebens. Der Name und die Gestalt haben in dem Maße Bedeutung, in dem sie das messianische Bewußtsein verkörpern. Die Seele kommt ins Leben, damit das Wesen, das in dir ist und sich entwickeln kann, Gestalt annimmt und sich in der kommenden Welt manifestieren kann. Wenn du etwas von dieser großen Aufgabe erreichst, wird alles was du im Leben tust mit Bedeutung erfüllt sein. Wenn du aber viele Dinge erreichst und für groß gehalten wirst im Urteil der Sterblichen, aber du erreichst nichts von der großen Aufgabe, ist alles was du tust bedeutungslos, reine Eitelkeit. Das ist eine einfache Wahrheit.

„Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“  ( Matthäus 7:7-8 )

Zu bitten ist zu erhalten, zu suchen ist zu finden, anzukopfen ist das Öffnen der Tür, so dass du eintreten kannst. Es bist nicht du, der bittet oder sucht oder anklopft, sonder der Christ-Geist in dir, und es ist die Gnade, die antwortet, die Gnade, die findet, der heilige Geist, der anklopft und eintritt und alles vollbringt. Deshalb ist das Versprechen sicher – derjenige, der mit dem überirdischen Licht gesalbt ist, erreicht die Herrschaft über das Universum. Von mir selbst aus kann ich nichts erreichen; Christus in mir vollbringt alles. Das ist eine erstaunliche Entdeckung und sie kommt mit heiliger Ehrfurcht und mit heiliger Verwunderung!

Gebt Acht, ich stehe vor der Tür und klopfe an! Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich bei ihm einkehren. Ich werde mit ihm das Mahl halten und er mit mir. Alle, die durchhalten und den Sieg erringen, erhalten von mir das Recht, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie ich selbst den Sieg errungen habe und nun mit meinem Vater auf seinem Thron sitze. (Offenbarung 3:20-21).

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 4-7)

Einführung in die Sophia-Gnostik (1)

Die Sophia-Gnostik ist eine spirituelle Tradition, die die mystischen und magischen Elemente des Christentums wiederherstellt, ja noch mehr, sie ist ein Weg bewußter spiritueller Entwicklung, wie sie Yeshua Messia selbst verkörperte.

Was ist nun Gnosis?

“Gnosis” ist das griechische Wort für “Wissen” genauso wie das hebräische Wort Da’at, das ebenfalls “Wissen” bedeutet. Unter Gnostikern hat das Wort “Wissen” jedoch nicht die gleiche Bedeutung, die ihm im allgemeinen in unserer modernen Sprache gegeben wird: etwas Intellektuelles oder ausschließlich mit dem Verstand assoziiertes; noch beschreibt es das Sammeln von Informationen aus äußeren Quellen. Für einen Gnostiker bedeutet Gnosis ein spirituelles und intuitives Wissen, das er aus seinem inneren Selbst und durch seine eigene mystische Erfahrung erlangt. Es ist ein Wissen, gewonnen durch eine ganzheitliche Intelligenz des Herzens und der Seele , des Geistes und des Körpers – ein “direktes Wissen”. Im engeren Sinne ist Gnosis ein Zustand göttlicher Erleuchtung und kennzeichnet einen höheren Bewußtseinszustand. Im weitesten Sinne ist Gnostik eine Sammlung von Lehren, die in der Gnosis begründet sind, oder ein spiritueller Weg, der zur Gnosis führt und ein Gnostiker ist eine Person, die Gnosis selbst erlangt hat.

(Übersetzt aus: Tau Malachi: Living Gnosis. – Llewellyn, 2005)

Allgemeiner Überblick

Die Lehren der Sophia-Gnostik ermöglichen Gnosis, also die direkte Erfahrung Gottes. Dabei werden die heiligen Schriften verwendet, sowohl die gnostischen Evangelien als auch die Bibel und die Kabbala als mystische und magische Schrift. Der Umgang mit den Schriften unterscheidet sich deutlich von deren Verwendung in den christlichen Kirchen. Man versucht die Schriften durch die Inspiration des Geistes im Moment zu verstehen, um etwas von ihren tieferen und mystischen Bedeutungen zu erfahren. In Wirklichkeit haben die heiligen Schriften viele Bedeutungsebenen, von der oberflächlichen und wörtlichen Bedeutung zur metaphorischen Ebene und noch tiefer auf der geheimen und mystischen Ebene. Auf jeder Ebene gibt es viele verschiedene spirituelle Lehren, die aus jedem Vers der heiligen Schriften gezogen werden können, abhängig von der Inspiration des Geistes im jeweiligen Moment und der eigenen Fähigkeit, diese Lehren anzunehmen. Jeder Vers ist wie das lebendige Wasser von dem Yeshua sprach. Im gnostische Evangelium des Thomas sagt Jesus: „Wer von meinem Munde trinkt, wird werden wie ich, und ich selbst werde er werden und das Verborgene wird sich ihm offenbaren.“ [Vers 108]

Gnosis und christlicher Glauben

Hier kommen wir zu einem zentralen Punkt an dem sich das gnostische Christentum von äußeren und orthodoxen Formen des Christentums unterscheidet. Wo es einen Glauben an Christus gibt als etwas, das von außerhalb einem selbst kommt, also eine Religion des Glaubens an Chritus durch feste und statische Interpretationen der Schriften, werden Dogmen und Gebote geschaffen.Dort, wo es aber einen Glauben an Christus gibt als etwas, das in einem Selbst ist, in einem und trotzdem immer darüber hinaus geht, Geschöpf und Schöpfung, entsteht eine Spiritualität der Gnosis. Für jemanden, der an Christus als etwas in sich selbst glaubt, als die Wahrheit der Seele, als göttliche, unsterblichen Kern des Selbst, für denjenigen ist Christus etwas, das man selbst erfahren muß, erkennen muß. Für denjenigen ist Christus etwas, das man in sich selbst und außerhalb von einem selbst in der gesamten Schöpfung wahrnehmen muß.

Diese Wahrnehmung kann erlernt werden. Sie ein Prozeß bewußter Entwicklung der erreicht werden kann durch meditative Übungen, das Studium der Schriften und verschiedene magische und schamanische Rituale. Dabei ist es jedem selbst überlassen wie weit er diesen Weg gehen möchte und in welcher Geschwindigkeit. Eine spirituelle Gruppe ist durch ihre gemeinsame Arbeit für diese Entwicklung eine wesentliche Stütze.

Glauben in der Sophia-Gnostik

Der Glauben in der Sophia-Gnostik ist kein blinder Glauben an äußere Glaubenssätze. Er bedeutet eher: „einen Sinn zu haben für das Geheimnis“ oder „eine Intuition für eine Erfahrung, die man noch nicht hatte“. Er ist eher wie ein Licht, das uns zu einem Geheimnis oder zu einer Erfahrung führt, also zur Gnosis führt. Durch die Erfahrung der Wahrheit schreitet man auf dem spirituellen Weg voran.

Sophia-Gnostik und Tradition

Vielleicht versteht ihr aus dem bisher gesagten, dass Tradition eine andere Bedeutung für einen christlich-gnostische Mystiker hat als für sein orthodoxes Gegenüber. Gnostische Tradition bietet eine Kosmologie, durch die der Eingeweihte Wissen sammeln kann auf dem Wege direkter und mystischer Erfahrung. Auf der einen Seite ist die Tradition eine Sprache, die etwas von der Gnosis kommuniziert, die frühere Generationen erreicht haben, sie ist sozusagen wie ein Finger, der auf den Mond zeigt. Auf der anderen Seite bietet die Tradition Methoden für spiritueller Übungen und das spirituelle Leben, durch die man für sich selbst Gnosis erreichen kann. Sie bietet ebenso einen Kontext, in den man seine eigenen Erfahrungen einordnen kann. Sie ist kwin fixiertes oder statisches Dogma. Eher ist sie ein Werkzeug für die Übertragung einer lebendigen göttlichen Ausstrahlung und Kraft. Die Tradition selbst ist lebendig, immer wachsend und sich verändernd, da jede Generation gnostischer Eingeweihter seine eigene Gnosis einbringt in den Strom der Lichtübertragung. Gnostische Tradition ist im Grunde genommen immer im Fluß, sie steht nicht still, wie alles andere im Leben auch.

Sophia-Gnostik ist eine individuelle spirituelle und mystische Erfahrung

Obwohl Eingeweihte der selben Tradition vieles gemeinsam haben können, wenn es um Ansichten und Glauben geht und sie die gleiche mystische und symbolische Sprache teilen, ist es nichts ungewöhnliches sehr unterschiedliche Ansichten und Glaubenseinstellungen zu finden. Warum ist das so? Weil die Betonung auf der individuellen spirituellen und mystischen Erfahrung liegt, auf dem Prozeß der Befreiung und Erleuchtung. Es gibt dabei keine zwei Personen, die genau die gleiche Erfahrung machen, da jede Person einzigartig ist. Jeder Einzelne tritt in die Erfahrung der Gnosis aus einem anderen Blickwinkel ein.

„Komm und sieh …, folge mir …, das sind die Begriffe, die Yeshua selbst verwendet haben soll. Beide legen ein Wissen durch direkte spirituelle Erfahrung nahe. Genau diese Worte wird ein gnostischer Lehrer an seine Schüler adressieren. Gnostische Lehrer vieler Traditionen neigen dazu, sich stärker auf eine mündliche als eine schriftliche Tradition und auf das gemeinsame Erfahren zu verlassen, das nur in einer persönlichen Kommunikation entstehen kann. Selbst wenn eine schriftliche Tradition existiert ist sie im Allgemeinen mit einer viel größeren mündlichen Tradition verbunden. Um die Lehren und Einweihungen vollständig zu erhalten muß man einen Eingeweihten oder Meister (Tau) zum spirituellen Freund haben.

Tau Malachi, der derzeitige Tau und Bischof der Sophia-Gnostischen Tradition, beschreibt den Beginn seines spirituellen Weges so: In meiner Jugend befreundete ich mich mit einem älteren Herrn, der ein Tau (Meister) einer lebendigen gnostische Tradition war, die er und der Kreis der Eingeweihten um in herum die Sophia-Tradition nannten auf Grund der zentralen Rolle, die die heilige Maria Magdalena darin hat. Durch ihn und seine spirituellen Kameraden kam ich in Kontakt mit einem esotherischen Orden – einer Linie mystischer und gnostischer Christen. Dieser angenehme ältere Herr, den alle entweder „den alten Mann“ oder „Tau Elijah“ nannten, nahm mich als spirituellen Kameraden auf. Durch individuelle Gespräche, Gruppendiskussionen, Instruktionen zu Methoden des mystischen Gebets, prophetische Meditationen, Einweihungsrituale und ähnliches gab er die Lehren der Tradition an mich weiter.

Obwohl in klassischen Quellenwerken nachgeschlagen wurde, sie studiert und viele Lehren daraus gezogen wurden, gab es keine schriftliche Tradition der Sophia-Gnostik – es war eine komplett mündliche Tradition. Ich studierte 8 Jahre lang bei Tau Elijah bis zu seinem Tod 1978. Bevor er starb, segnete er mich als seinen Nachfolger. Nach seinem Tode und in Zusammenhang mit meinem Umzug gingen alle seine Kameraden getrennte Wege und es entstanden neue Zirkel. So setzte sich die Linie dieses heiligen Ordens in einer neuen Generation fort, und der Kreis aus dem sie geboren wurde, verschwand.

(Übersetzt und zusammengestellt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn. – Einführung S. VII-XVI)

Bemerkungen zur Meditation „Einheit mit der Lichtfrau“

Laut Kabbala erfüllte am Anfang Or En Sof (das unendliche Licht) den endlosen Raum, und so erfüllte Gottselbst den endlosen Raum, unendlich in allen Richtungen. Die erste Handlung der Schöpfung war das Tzimtzum – das Zusammenziehen, bei dem Gott sich in das Gottselbst zurückzog und eine große Leere zurückließ, in der die Schöpfung stattfinden konnte. Mit anderen Worten: Gott schuf Raum im Gottselbst für die Schöpfung. Die Meister der Tradition sagen, dass diese große Leere des unendlichen Raumes Gottes Schoß ist. Und so erscheinen Gott, der Vater (Abba), und Gott, die Mutter (Aima), obwohl Gott in Wirklichkeit außerhalb der Dualität von männlich und weiblich, Vater und Mutter ist.

Man kann nicht sagen, dass der endlose Raum erschaffen wurde, denn obwohl Or En Sof ihn erfüllte, ist er uranfänglich und war allgegenwärtig inmitten des uranfänglichen Lichtes. Diese unendliche Geräumigkeit ist die noch nicht erschaffene Sophia – Mutter Sophia (Weisheit). In ihr leben wir, bewegen uns und haben unser Sein, und ihr erscheint die gesamte Schöpfung. Sie ist in der Schöpfung als der Raum, in dem alles existiert, und außerdem ist sie immer außerhalb der Schöpfung als der Raum von En Sof (dem Unendlichen) , welcher der Raum von Gott und Gotthaupt ist – der Eine-Ohne-Ende.

Sie ist der Urgrund und die Matrix – der Raum der Schöpfung und die Beschaffenheit des Bewußtseins, wie sie offenbart wurde in der Melchizedek-Übertragung. Licht und Dunkelheit erscheinen in ihr und alle kosmischen Kräfte: göttliche Kräfte, titanische Kräfte und dunkle Kräfte. Weil sie durch nichts verändert wird, das in ihr erscheint, sondern immer rein und unberühert bleibt, wird sie die heilige Jungfrau genannt. Jedoch wird sie auch die Hure genannt, weil alle kosmischen Kräfte in ihr erscheinen, göttliche, titanische und dämonische. Sie ist gleichzeitig ausschließlich und alles einschließend, unsere Mutter.

Wer die Beschaffenheit des Bewußtseins kennt und Selbsterkenntnis erlangt hat, hat auch die Gnosis der Mutter Sophia erreicht. Diese Gnosis nennt man auch Erleuchtung, und aus ihr wird das überirdische oder Christ-Bewußtsein geboren. Deshalb wird sie Christus Mutter genannt – die Mutter aller Heiligen. In den gnostischen Evangelien wird sie durch Mutter Maria, die Mutter von Yeshua Messia, die eine, die mit dem überirdischen Licht Gottes gesalbt ist, verkörpert.

Mutter Maria ist Mutter Sophia – nichterschaffene Weisheit, und Maria Magdalena ist die Tochter Sophia – erschaffene Weisheit. In Wahrheit sind Mutter und Tochter eine und dieselbe göttliche Sophia. Dennoch entspricht die heilige Mutter dem reinen Sein und die Tochter dem Immerwerdenden, so dass von der heiligen Sophia gesagt wird: „Sie bewegt sich und bewegt sich nicht.“ Die Meister der Tradition sagen, dass sich im heiligen Evangelium alles mit, in und durch die göttliche Mutter ereignet, denn sie ist die Grundlage von allem. Ebenso, wie ohne das Element des Geistraumes nichts erscheinen würde, würde auch ohne die Mutter das Licht des Kreuzes nicht hervorscheinen und niemand würde getauft werden.

Die Mutter ist die Stimme der Stille, die das Logos-Wort Gottes spricht und sie gebiert sich selbst in der Braut und dem Bräutigam, so dass durch sie das Gesicht des Vaters offenbart wird und der Eine-Ohne-Ende erkannt wird. Sie ist der Thron auf dem das Ebenbild Yahwehs erscheint, und sie umfasst alle göttlichen Bilder des Lichtes, die im Licht-Kontinuum erscheinen – die göttliche Mutter zu kennen, bedeutet sich selbst zu kennen und den Christus in sich zu gebären. Sie ist alles zusammengenommen, in allem und doch immer transzendent; gesegnet sei Gott, die Mutter und die Mutter Gottes!

Wir sprechen jetzt mit Worten und entwickeln Gedanken, aber die Gnosis der Mutter Sophia ist nicht in unseren Worten oder Gedanken, noch in irgendetwas, das im Geiste entsteht. Wirklich, obwohl sie in allem ist, ist sie immer jenseits, und deshalb überirdisch und supramental. Um sie zu erkennen, muß man sie erfahren – man muß in reiner strahlender Aufmerksamkeit eins sein mit dem Urgrund des unendlichen Raumes.

Was hier geschrieben steht ist in sich selbst eine Kontemplation und Meditation der heiligen Mutter, und es gibt noch viel mehr, dass über sie gesagt werden könnte – die Zahl der inneren und geheimen Lehren zu Mutter Sophia ist in unserer Tradition sehr groß. Jedoch findet man die direkte Erfahrung der heiligen Mutter und ihre Gnosis nicht durch Worte oder aus Büchern, sondern im Leben und in der eigenen Seele und sonst nirdendwo. In Wahrheit ist sie man selbst und mehr – der Kern von einem selbst, der Kern des Selbst von jedem Selbst und die Seele in jeder Seele. Das ist Mutter Sophia.

Aus diesem Grunde haben die Adepten und Meister der Tradition viele Meditationen mit dem Parzuf der Aima oder Mutter Sophia entwickelt, so dass wir ein Verständnis und Wissen über sie erlangen können und unsere Weisheit wachsen kann, wenn wir ihr näher kommen und sie erfahren. Die Meditation „Einheit mit der Lichtfrau“ ist eine der gebräuchlichsten Parzuf-Meditationen mit der heiligen Mutter.

(Übersetzt aus: Sophia Fellowship – Woman of Light Meditation)

Was ist Gnosis?

„Gnosis“ ist das griechische Wort für „Wissen“ genauso wie das hebräische Wort Da’at, das ebenfalls „Wissen“ bedeutet. Unter Gnostikern hat das Wort „Wissen“ jedoch nicht die gleiche Bedeutung, die ihm im allgemeinen in unserer modernen Sprache gegeben wird: etwas Intellektuelles oder ausschließlich mit dem Verstand assoziiertes; noch beschreibt es das Sammeln von Informationen aus äußeren Quellen. Für einen Gnostiker bedeutet Gnosis ein spirituelles und intuitives Wissen, das er aus seinem inneren Selbst und durch seine eigene mystische Erfahrung erlangt. Es ist ein Wissen, gewonnen durch eine ganzheitliche Intelligenz des Herzens und der Seele , des Geistes und des Körpers – ein „direktes Wissen“. Im engeren Sinne ist Gnosis ein Zustand göttlicher Erleuchtung und kennzeichnet einen höheren Bewußtseinszustand. Im weitesten Sinne ist Gnostik eine Sammlung von Lehren, die in der Gnosis begründet sind, oder ein spiritueller Weg, der zur Gnosis führt und ein Gnostiker ist eine Person, die Gnosis selbst erlangt hat.

(Übersetzt aus: Tau Malachi: Living Gnosis. – Llewellyn, 2005)