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Thomasevangelium – Vers 3

Jesus sprach: Wenn die, die euch führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut. (Übersetzung von Wieland Willker)

Malkut, das Königreich des Himmels ist in dir und umgibt dich überall. Wenn du jedoch nicht weisst, dass das Königreich in dir ist, dann wirst du das Königreich ausserhalb von dir nicht sehen. So ist das Wesen der Realität. Sie ist die magische Darstellung des Bewusstseins. Das Innere und das Äussere sind nicht getrennt sondern eng verbunden. Die Realität deiner Erfahrung ist die magische Darstellung deines Bewusstseins. Eine Veränderung im Bewusstsein bewirkt eine dementsprechende Veränderung in der Realität, der wir begegnen. Eine Veränderung in der uns begegnenden Realität ist ein Ausdruck einer Veränderung im Bewusstsein.

In der Welt und im wachen Bewusstsein gibt es viele Mitschöpfer der magischen Darstellung. Es gibt die individuelle und die kollektive Schöpfung dieser magischen Darstellung. Das individuelle, kollektive und universelle Bewusstsein sind vollständig miteinander verbunden und von einander abhängig. Du allein bist nicht der Schöpfer der Realität, die du erlebst. Jedes lebendige Wesen ist ein einzigartiger individueller Ausdruck der Lebenskraft, des Heiligen Einen des Seins, ein Mitschöpfer Gottes. Wenn es eine Veränderung in deinem eigenen Bewusstsein gibt, findet jedoch eine proportionale und dementsprechende Veränderung in der Welt und in der Realität deiner Erfahrung statt. Indem du dich veränderst, veränderst du die Welt, in der du lebst. Willst du die Welt verändern? Du bist die Welt und die Welt ist Du. Wenn Du die Welt verändern willst, verändere zuerst dein eigenes Bewusstsein.

Ob nun der Himmel oder die Hölle oder eine Mischung aus beidem, es ist alles ein Zustand des Geistes und des Bewusstseins. Das Königreich des Himmels ist kein Ort, sondern ein Teil unseres Bewusstseins. Ebenso ist die Hölle eine schwere Einschränkung und Begrenzung unseres Bewusstseins. Es gibt unzählige ineinander verschachtelte Welten und Jenseitswelten: Himmel und Höllen und Räume dazuwischen. Sie alle sind ein Ausdruck des strahlenden Wesens des Bewusstseins und existieren im Bewusstsein.

Es gibt höhere, heiligere Welten als diese. Niemand kann sagen, wie viele. Ebenso kann niemand sicher sein, dass diese Welten oder Bewusstseinsebenen für verschiedene Personen die gleichen sind. Der Himmel kann für einen boshaften Menschen ein Schrecken sein und für einen Heiligen könnte die „Hölle“ die intensivste Freude sein. Man weiss jedoch, dass die Menschen in dieser Welt die meiste Zeit zu beschäftigt sind, um wahrzunehmen, was in und über ihr vorgeht. Sie sind meist zu abgelenkt, um sich selbst zu erkennen und den Wert höherer und heiligerer Welten zu schätzen, die den selben Raum wie unsere Welt einnehmen. Die meisten „normalen“ Leute kennen ihre eigene kreative Kraft nicht und wissen nicht, dass sie die Welt sind und die in ihnen existiert. In ihrer Ignoranz bleiben sie an niedere Götter und Schattenländer gebunden. Sie erkennen die Welt des überirdischen Lichts in ihnen und um sie herum nicht.

So viele Seelen schlafen und träumen fremdartige und unbeständige Träume. Sie schlafen und wissen nicht, dass sie träumen. Deshalb können sie nicht im Traum erwachen und ihn verändern. Für die Erwachten, die Heiligen, ist es ein bedauerlicher, trauriger Anblick. Wenn man die Alpträume betrachtet, die durch Ich-Bezogenheit, Verlangen und Furcht entstehen und all das Leid, dass daraus folgt, so sieht man ein bedauernswertes Bild. Die Erwachten kennen die Welt des überirdischen Lichtes hier und jetzt, aber ebenso wissen sie, wie real das Leiden derjenigen ist, die in Ignoranz leben und schlafen. Es geht nicht um das Thema der persönlichen Errettung. Niemand ist völlig frei bis alle frei sind.

„Aber viele, die jetzt vorn sind, werden dann am Schluss stehen, und viele, die jetzt die Letzten sind, werden schließlich die Ersten sein.“ (Markus 10:31) Die grosse Transformation des zweiten Kommens ist nicht eher vollbracht, als bis die letzte „boshaft“ Person bereut und Gerechtigkeit sucht.

Die Kraft, die uns bindet, ist die Kraft, die uns befreit. Die selbe Bewusstseinskraft kann sich als der Widersacher oder der Messias, als Himmel oder Hölle manifestieren. Erleuchtung und Nicht-Erleuchtet-Sein sind Ausdruck der selben Bewusstseinskraft, der einen Lebenskraft. Es gibt einen göttlichen Geist, aber zwei Wege. Die Welt steht am Grenzbereich beider Wege. Sie kann in jedem Moment in eine der beiden Richtungen pendeln – zum Himmel oder zur Hölle – jedoch ist die Rettung, das zweite Kommen immer nahe, so nah wie dein Atem und dein Herzschlag, so nah wie das Wesen deines Bewusstseins.

Nun höre das Wort des Herren und nimm es auf. Du hast die freie Wahl! Es kann der Himmel sein oder die Hölle. Jeder muss eine Wahl treffen. In dir sind die Kräfte zur Rettung oder Vernichtung, des Lichtes und der Dunkelheit. Wenn du schliesslich durchsichtig bist, gibt es nur noch Licht und Leben. Das ist die Gewissheit der Errettung in unserem Herrn. Jedoch ist, bis die Rettung erlangt ist, das Leiden der Vernichtung nur zu real. Du musst in jedem Moment wählen. Du musst die schöpferische Kraft in dir kennen und in der Erinnerung an den Geist der Wahrheit leben.

Was soll erreicht werden? Das du dich als Teil der heiligen Einheit, die Gott ist, erkennst und erlebst. Du warst immer Teil dieser heiligen Einheit, des heiligen Einen des Seins, bist es und wirst es immer sein. Nie warst du vom heiligen Einen getrennt. Einheit mit Gott ist nicht wirklich eine Errungenschaft, sie ist eine gegenwärtige Realität und Wahrheit. Du brauchst dich nur an den Geist der Wahrheit zu erinnern. Du brauchst nur aufzuwachen und mit dieser Aufmerksamkeit zu leben. Es ist nicht etwas, das dir fehlt, sondern wer und was du wirklich bist, ein Sohn oder eine Tochter des lebendigen Gottes – das Kind des Lichtes, das Bewusstseinslicht selbst.

Wer ist verloren und muss gefunden werden? Ich sage dir, niemand ist verloren und muss gefunden werden. Der Verlorene hat niemals existiert, und der, der gefunden werden muss, wurde nie geboren. Du bist, was du suchst, der ungeborenen Geist.

Das ist die gute Nachricht! Malkut, das Königreich, ist in dir und überall um dich. Ewiges Leben ist die Wahrheit deines innersten Seins. Den Tod hat es nie gegeben. Du bist frei!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 8-10)

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Thomasevangelium – Vers 18

Thomasevangelium – Vers 18

“Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, in welcher Weise unser Ende sein wird! Jesus sagte: Habt ihr denn schon den Anfang entdeckt, daß ihr nach dem Ende fragt? An dem Ort, wo der Anfang ist, dort wird auch das Ende sein. Selig ist, wer am Anfang stehen wird. Und er wird auch das Ende erkennen und den Tod nicht schmecken.” (Übersetzung von Roald Zellweger)

Was ist der „Anfang“, in dem du das Ende finden wirst? Sicherlich ist es die Absicht Gottes in der Schöpfung, denn der Beginn der Schöpfung ist der heilige Gedanke oder die heilige Absicht, aus der alles hervorgeht in Übereinstimmung mit dem Wort und der Weisheit des höchsten Gottes. Um das Ende oder die Erfüllung der Schöpfung zu verstehen, musst du deshalb den Anfang begreifen, nämlich den Willen Gottes in der Schöpfung und den Willen Gottes in deiner Seele. Denn es ist dieser göttliche Wille, der letztlich dein Ende sein wird.

Nun sagen uns unsere Lehrer, dass die heilige Absicht Gottes in der Schöpfung die Offenbarung des göttlichen Menschen war und ist, dass die gesamte Schöpfung das Ziel hat, die Seele des Messias zu offenbaren. Der erste heilige Gedanke Gottes ist des Bild von Godselbst in der Form Adam Kadmons, des uranfänglichen Menschen. Aus diesem heiligen Gedanken und Bild wurde Adam Ha-Rishon, der erste Mensch, geschaffen. Da das Erste auch das Letzte ist, ist das „Ende“ der offenbarte göttliche Mensch nach dem Bild des Herrn in bewußter Einheit mit Gott, also spirituell erwacht.

Es gibt die Involution (Rückbildung) im Prozess der Schöpfung, wenn sie für die Evolution notwendig ist, Involution, die in Stufen verläuft und dadurch Evolution, die ebenso in Stufen verläuft. Am Anfang ist der erste Mensch sich der heiligen Einheit mit Gott nicht bewußt und muss deshalb „in Ungnade fallen“, oder einbezogen werden in den Prozess der Schöpfung, um bewusst Individualität und Selbsterkenntnis zu entwickeln und eine bewusste Einheit mit Gott zu verwirklichen; folglich zu erwachen aus dem uranfänglichen Schlaf oder der Unbewusstheit. So ist die Schöpfung, die ihre Quelle und ihren Anfang in Gott hat, der fortschreitende Selbstausdruck und die Verwirklichung des unendlichen und ewigen Potentials Gottes, des göttlichen Potentials, das unerschöpflich ist. Obwohl wir vom Erwachen als vom Ende sprechen mögen, ist das göttliche Potential in Wahrheit unerschöpflich und grenzenlos (Ain Sof) und es ist kein Ende in Sicht. Es gibt ganz einfach kein Ende der schöpferischen Evolution. Deshalb wirst du, wenn du den Anfang suchst, eigentlich keinen Anfang finden.

In Wahrheit ist die Schöpfung eine ununterbrochene Folge des Werdens ohne Anfang, dessen Quelle und Grundlage der Eine-ohne-Ende, der heilige Eine des Seins ist. Dieses ist die Beschaffenheit des Wirklichkeits-Wahrheits-Kontinuums, es ist ohne Anfang oder Ende. Es ist diese Gnosis (Erkenntnis), die den heiligen Orden Melchizedeks ausmacht. Von den Eingeweihten diese Ordens wird gesagt, das sie ohne Abstammung sind, das sie keinen Beginn ihrer Tage noch ein Ende ihres Lebens haben, sondern dass sie in bewusster Einheit mit dem höchsten Gott als Priesterkönige für immer bleiben. Damit enthält dieser Vers den geheimen Eingang in den heiligen Orden des Melchizedek, indem er auf den Hauptschlüssel zu den Geheimnissen hinweist, den die Eingeweihten dieses Ordens besitzen.

Der Meister spricht von dem innersten geheimen Schlüssel zu den Mysterien. Dieser Schlüssel widerspiegelt sich im Wissen, das der Autor des Briefes an die Hebräer hat. Es ist ein Brief, der nicht an die äußere Versammlung der Auserwählten sondern an die innere Versammlung geschrieben wurde, so dass, nachden sie bereits in das Heiligtum des Rosenkreuzes eingetreten waren, sie auch in die innerste geheime Versammlung des dreifachen Ordens des Melchizedek eintreten konnten. Im Zusammenhang mit unserem Vers bietet der Brief an die Hebräer eine gute Quelle zur Kontemplation.

Verstehe den Beginn als die Absicht Gottes in der Schöpfung. Seinen Platz im Anfang einzunehmen bedeutet nicht nur die Erlangung der Selbsterkenntnis, sondern es bedeutet auch, als bewusster Vermittler des Willens Gottes an die Menschheit und auf der Erde zu handeln. Jemand, der eintritt in die Erkenntnis des Christ-Selbst wie Yeshua Messia, wird eine Verkörperung des lebendigen Wortes und ein bewusster Mit-Schöpfer Gottes. Aus diesem Grunde informiert uns der Meister, dass wir potentiell grössere Dinge vollbringen werden, als die Dinge, die wir ihn haben vollbringen sehen. Der heilige Geist wird sich in jeder Seele, die zu Christus erwacht, auf einzigartige Weise offenbaren, und jede dieser Seelen wird viel mehr erreichen als schon vollbracht ist. Es ist noch immer die Wiederauferstehung der Welt zu vollbringen, und der Geist der Wahrheit in der apostolischen Folge arbeitet auf dieses noch nicht erreichte Ziel hin. Obwohl dies eine Lehre ist zum Eintreten in die perfekte Ruhe und in die Brautkammer, ist es auch ein Ruf nach erleuchtetem Handeln.

Nun sprechen gnostische Meister vom Anfang noch in einer anderen Weise. Sie sagen, dass der Anfang das helle Licht ist, das die Beschaffenheit unseres Bewußtseins und Seins ist, der wahre Kern und die wahre Gegenwart Gottes im innersten Teil unserer Seele. Genesis lesend, hören wir von der ersten Äußerung Gottes durch das heilige Wort: Es werde Licht! Dieses Licht kommt vor allem Anderen, sogar vor Sonne, Mond, Planeten und Sternen. Es ist nicht irgendein bekanntes Licht, sondern ein verstecktes und durchsichtiges Licht, das heilige Licht, wie es war vor dem Punkt des Beginns. Dieses überirdische Licht ist in Wirklichkeit der Geist des Messias. Aus diesem Licht, sagt uns der Prophet, formte der Herr das Licht und erschuf die Dunkelheit. „Formen“ bedeutet, das diese Licht offenbart wurde, aber nicht erschaffen. Demnach ist dieses Licht ohne Anfang und ohne Ende. Wirklich, es ist der Geist der nicht geboren wird und nicht stirbt, es ist der Geist des Messias.

Dieses Licht ist das Licht der Bewußtheit. Es ist reine, ursprüngliche, uranfängliche Bewußtheit, die das Wesen allen Bewußtseins ist, der innerste Kern unseres Bewußtseins oder unserer Seele auf jeder Ebene, sogar auf der unwissenden und alltäglichen Ebene des Bewußtseins. Dieses Wesen des Bewußtseins als durchsichtiges Licht zu begreifen, bedeutet Erleuchtung und Befreiung zu erreichen, Befreiung von der Gefangenschaft des Unwissens und des Todes. Der Tod ist der Teufel der Vergesslichkeit, der die Kontinuität der bewussten Existenz unterbricht. Wenn du dich an dein Christ-Selbst erinnerst wirst du erwachen und nicht wieder vergessen.

Zum Schluß will ich dir ein offenes Geheimnis verraten: Das, was dich in der Gefangenschaft hält, ist das, was dich befreien wird!

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 58-60)

Thomasevangelium – Vers 2

„Jesus sprach: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird König sein über das All.“

Jesus said, „Let him who seeks continue seeking until he finds, When he finds he will become troubled. When he becomes troubled, he will be astonished, and he will rule over the all.“ (Übersetzung von Tau Malachi)

Um den Geist der Wahrheit zu finden, musst du suchen, bis du erkennst, dass der Geist dir innewohnt und bis du die Wahrheit durch deine eigene Erfahrung erkennst. Es genügt nicht, dass eine andere Person die Wahrheit entdeckt hat. Jeder muss selbst nach der Wahrheit suchen und streben, wenn er seine Seele befreien und erwecken will zur bewußten Einheit mit Gott.

Dieses Streben ist die Suche nach dem heiligen Gral, der nicht ein physisches Relikt oder eine heiliger Pokal, nicht etwas außerhalb von einem selbst ist. Der heilige Gral ist viel eher das gereinigte und geweihte Herz, Seele, Geist und Leben; er ist man selbst, wenn man offen und empfindsam ist für den Christus-Geist, so dass man sein Leben wie Christus führt. Der Gral ist das Herz, in dem der Herr wohnt, der Mensch, der die uns innewohnende Geistverbindung entdeckt hat und im inneren lebendig ist. Er ist das Christ-Selbst, der Logos und die Sophia Gottes, das innere und höhere Selbst, dass unser geheimes Zentrum und unsere heilige Wurzel ist.

Nun sind das nur Worte, Konzepte im Geist. Es ist der Charakter dieser heiligen Suche, das man eine Vokabel, einen Namen oder ein Konzept hat, für das, was man sucht, eine Vorstellung, was es sein kann, wie und wo es gefunden werden kann. Aber in Wirklichkeit weiss man nicht, wonach man sucht, wie, wo und wann man es finden kann. Welche Vorstellung man auch immer haben mag, sie ist wahrscheinlich eher ein Hindernis oder eine Blockierung beim finden dessen, was du suchst, eher irreführend als hilfreich.

Wenn die Suche auf vorgefasste Meinungen, Vorbedingungen und Erwartungen gegründet ist, auf wer und was du denkst zu sein, dann wird die Suche selbst zur Behinderung und du kannst nicht entdecken, was du suchst. Wenn du nach etwas suchst, das nicht existiert, oder auf eine Art und an einem Platz, wo es nicht zu finden ist, wirst du es tatsächlich nicht entdecken.

Von vornherein musst du verstehen, dass das Wesen Gottes sehr verschieden von allem ist, das du dir vielleicht vorstellst und das du selbst nicht bist, was du vielleicht denkst zu sein. Was immer deine vorgefassten Meinungen, Vorbedingungen und Erwartungen sein mögen, das zusammenhängende Ganze der Wirklichkeit und Wahrheit Gottes ist noch mehr und kann nicht vom gradlinig denkenden Verstand oder dem dualistischen Bewußtsein erfasst und verstanden werden. Gott wird immer ein Geheimnis sein, der Namenlose und Unbekannte. Gott ist vollkommen anders als man denken mag. Dieses zu entdecken ist beunruhigend und erschüttert einen im Innersten!

Dem HERREN nahe zu kommen ist zutiefst beunruhigend, denn ich muss NICHTS werden, LEER von mir selbst, so das der HERR eintreten und der heilige Geist mich erfüllen kann. Gott ist NICHTS (Ain) und ich muß nichts werden, um mich mit dem HEILIGEN EINEN DES LEBENS zu vereinen.

Wenn du glaubst, etwas zu sein, eine dauerhafte und unabhängige Eigenexistenz zu haben, eine feste und feststehende Person zu sein, ist es sehr beunruhigend zu entdecken, dass dein geheimes Inneres NICHTS ist, dass du LEER bist von einer dauerhaften und unabhängigen Eigenexistenz. Wenn du das jedoch entdeckst, wirst du begreifen, dass es das Wesen von allem Existierenden ist. Du entdeckst, dass alles unbeständig ist, dass sich alles verändert. Die Realität ist LEER von jeder dauerhaften und unabhängigen Eigenexistenz. Es gibt nur den HEILIGEN EINEN DES LEBENS, den EINEN-OHNE-ENDE (Ain Sof). Doch in dieser Gnosis erlangt der Prophet oder Apostel Gottes die Herrschaft über das Universum, den alles ist die magische Darstellung des göttlichen Geistes, der Seele Christus.

Es gibt noch eine andere Art von Beunruhigung, die mit dem dämmern höheren Bewußtseins, wenn man dem HERRN näher kommt, eintreten kann. In der heiligen Einheit, die Gott darstellt, begegnest du uneingeschränkter und höchster Vollkommenheit, der uranfänglichen LEERE, die gleichzeitig die göttliche Fülle ist. Vor der Vollkommenkeit des HERRN ist deine eigene Unvollkommenkeit ein greller und krasser Kontrast, eine zutiefst beunruhigende und wirklich schmerzliche Sache. Indem du dem HERREN näher kommst, entdeckst du, wie weit du von Gott entfernt bist. Das ist die Ursache für die dunkle Nacht der Seele, von der die Mystiker auf ihrer Reise sprechen.

Jeder der sucht muss gewillt sein, die Beunruhigung zu ertragen, die mit dem Finden kommt, gewillt sein, die dunkle Nacht der Seele auszuhalten und die Prüfung der Einweihung. Der mystischer Tod geht der Auferstehung voraus; das Herabsteigen in die Tiefe geht jedem Aufstieg voraus. Der lebendige Yeshua hat den Weg vor uns geöffnet und ihn uns gezeigt. Auch wir müssen sterben und wiedergeboren werden, herabsteigen in die Tiefe und aufsteigen; wir müssen gewillt sein, täglich unser Kreuz auf uns zu nehmen und dem Christ-Selbst in uns zu folgen. Nur auf diese Weise können wir Erlösung erlangen.

Das ist keine neue Erkenntnis. Das Leben lehrt diese Lektion. Die Geburt selbst ist beunruhigend und schmerzhaft, und doch kommt durch sie die große Freude des Leben. So ist es mit allem im Leben. Der Schmerz ist Teil des Vergnügens, die Trauer Teil der Freude. Der Tod ist ein Teil des Lebens. Man kann das Eine nicht ohne das Andere haben. Alles ist miteinander verbunden und voneinander abhängig; das ist das Wesen der Dinge, die immer-werden. Du mußt lernen, das ganze Leben und dein ganzes Selbst zu akzeptieren und zu umschließen, wenn du den Geist der Wahrheit entdecken möchtest. Das Licht und die Dunkelheit müssen verbunden werden, und du mußt die heilige Einheit erkennen.

Nun sage ich dir, wenn du suchst, wird das, was du findest, beunruhigend sein, den du wirst entdecken, dass all die Gewohnheiten der Sterblichen und ihr Prunk eitel und zwecklos sind, bloße Eitelkeit unter der Sonne. Nahezu alles, was die unerleuchtete (unaufgeklärte) Gesellschaft innig schätzt, ist letzten Endes bedeutungslos, und was wir selbst schätzen und für sehr wichtig halten, ist ganz und gar nicht wichtig. Es ist alles beliebig. Alles ist Staub im Wind mit dem Vergehen der Zeit. Was wird all das in der Stunde der Abrechnung, im Moment des Todes bedeuten? Die Welt wird nichts sein und du wirst nichts sein. Was wird sein, wenn du das Christ-Selbst in dieser Stunde nicht als dein innerstes Selbst kennst? Was wird aus dir werden?

Ich sage dir rundheraus, die äußere Person, die ich bin, ist nichts. Dieser Name und diese Gestalt sind ein vorübergehender Zustand, der von sich aus gar nichts bedeutet. Wenn ich nicht die innere Person, das Seelen-Wesen und Christ-Selbst in mir kenne, ist die äußere Person nur Eitelkeit unter der Sonne. Zu lieben, Wissen zu sammeln und die Menschheit zu Gott zu erheben ist der Zweck und die Bedeutung des Lebens. Der Name und die Gestalt haben in dem Maße Bedeutung, in dem sie das messianische Bewußtsein verkörpern. Die Seele kommt ins Leben, damit das Wesen, das in dir ist und sich entwickeln kann, Gestalt annimmt und sich in der kommenden Welt manifestieren kann. Wenn du etwas von dieser großen Aufgabe erreichst, wird alles was du im Leben tust mit Bedeutung erfüllt sein. Wenn du aber viele Dinge erreichst und für groß gehalten wirst im Urteil der Sterblichen, aber du erreichst nichts von der großen Aufgabe, ist alles was du tust bedeutungslos, reine Eitelkeit. Das ist eine einfache Wahrheit.

„Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“  ( Matthäus 7:7-8 )

Zu bitten ist zu erhalten, zu suchen ist zu finden, anzukopfen ist das Öffnen der Tür, so dass du eintreten kannst. Es bist nicht du, der bittet oder sucht oder anklopft, sonder der Christ-Geist in dir, und es ist die Gnade, die antwortet, die Gnade, die findet, der heilige Geist, der anklopft und eintritt und alles vollbringt. Deshalb ist das Versprechen sicher – derjenige, der mit dem überirdischen Licht gesalbt ist, erreicht die Herrschaft über das Universum. Von mir selbst aus kann ich nichts erreichen; Christus in mir vollbringt alles. Das ist eine erstaunliche Entdeckung und sie kommt mit heiliger Ehrfurcht und mit heiliger Verwunderung!

Gebt Acht, ich stehe vor der Tür und klopfe an! Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich bei ihm einkehren. Ich werde mit ihm das Mahl halten und er mit mir. Alle, die durchhalten und den Sieg erringen, erhalten von mir das Recht, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie ich selbst den Sieg errungen habe und nun mit meinem Vater auf seinem Thron sitze. (Offenbarung 3:20-21).

(Übersetzt aus: Tau Malachi: The Gnostic Gospel of St. Thomas : meditations on the mystical teachings. – Saint Paul, MN : Llewellyn, 2004, S. 4-7)